
Steinbrücken liegt zwischen Abberode, Molmerswende und dem Einetal. Der Name weckt ein klares Bild: eine Brücke aus Stein. Welche alte Querung dahintersteckt, ist heute nicht sicher zu sagen. Dafür haben die Höfe, der Wald und die Kapellen Geschichten hinterlassen, die sich erstaunlich nah anfühlen.
Ein Dorf, zwei sehr verschiedene Kapellen
Die kleine Fachwerkkapelle unter den Bäumen gehört zum vertrauten Gesicht von Steinbrücken. Das Gebäude war ursprünglich ein Spritzenhaus. Es ist also selbst schon eine Verwandlungsgeschichte: Aus dem Ort für die Feuerspritze wurde ein Ort für Andacht und Abschied.
Doch Steinbrücken hat noch eine zweite, viel ältere Kapellengeschichte. Von ihr erzählt ein Zeitungsausschnitt aus dem Jahr 1941. Seine Überschrift klingt fast wie eine Einladung zum Schmunzeln: „St. Wolfgangs Zahnschmerzenkapelle“.
Drei Männer und ein sehr menschliches Gelübde
Die überlieferte Geschichte führt ins Jahr 1501. Drei Steinbrücker litten an heftigem Zahnweh. Sie gelobten, dem heiligen Wolfgang eine Kapelle zu bauen. Noch ehe der Bau fertig war, so erzählt es der Bericht, waren die Schmerzen verschwunden. Das sprach sich herum. Bald kamen weitere Zahngeplagte und brachten ihre Gaben mit.
Die Kapelle betreute der Pfarrer aus Abberode. Nach der Reformation ließ Graf Albrecht den Bau schließlich abbrechen; Stein und Holz fanden anderswo Verwendung. Die kleine Glocke soll nach Abberode gekommen sein. Die heutige Fachwerkkapelle ist ein anderes Gebäude – die Zahnwehgeschichte gehört zu einer verschwundenen Vorgängerwelt.
Gerade das macht den alten Ausschnitt so schön: Hinter den Namen und Herrschaften werden plötzlich Menschen mit einem sehr alltäglichen Wunsch sichtbar. Die Zahnschmerzen sollten endlich aufhören.


Schafe können keine Grenzsteine lesen
1637 landeten Molmerswendische Schafe in einer Akte. Wolf Nesen hatte sie aus dem Anhaltischen nach Steinbrücken getrieben; dort wurden sie gepfändet. Der Vorgang steht im Rammelburger Archivbestand, zusammen mit Fragen der Eichelmast und weiteren Streitigkeiten um Hirten.
Eine idyllische Weide war eben auch ein Stück Wirtschaft. Wer seine Tiere wohin treiben durfte, konnte zum handfesten Konflikt werden. Auf den heutigen Wiesen ist davon nichts mehr zu sehen. In den Akten blökt es gewissermaßen weiter.
Eigener Wald – und trotzdem Ärger
Auch Bäume konnten die Obrigkeit beschäftigen. Eine Untersuchungsakte von 1819 betrifft den Gerichtsschöppen Berend in Steinbrücken und Bäume, die ohne Erlaubnis in seinem eigenen Privatwald gefällt worden sein sollten.
Schon der Aktentitel ist eine kleine Überraschung: Der eigene Wald bedeutete keineswegs jede Freiheit. Besitz, Nutzung und die Regeln der Herrschaften waren verschiedene Dinge. Wer heute zwischen Dorf und Waldrand unterwegs ist, läuft auch durch diese unsichtbare Geschichte.

Häuser erzählen in Familiennamen
Hermann Schottes Rammelburger Chronik verfolgt Steinbrücker Hofstellen zum Teil bis 1533 zurück. Gänsch, Probst, Franke, Kautz und Rausche begegnen in diesen Folgen. Ein Haus ist darin nicht bloß eine Nummer, sondern ein Faden durch mehrere Generationen.
Auch der Dorfname bekam später noch eine passende Fortsetzung: Eine Akte von 1877 bis 1898 behandelt die Herstellung einer neuen Fußbrücke über die Eine auf dem Weg nach Hermerode. Steinbrücken hinterließ also selbst für einen kleinen Weg über das Wasser eine ordentliche Spur aus Papier.


Als die Dorfgeschichte zum Kriminalfall wurde
1933 wurde der Landwirt Hermann Rausche ermordet aufgefunden. Der Prozess in Halle endete mit einer Verurteilung des Melkers und einem Freispruch der Witwe. Die Zeitungsberichte machen daraus einen der dramatischsten Fälle der örtlichen Geschichte.
Der Fall Hermann Rausche ↗ · Mehr über Steinbrückens Kapellen ↗
Weitere Bilder und Dokumente

- Hermann Schotte, Rammelburger Chronik, S. 183–188.
- Zeitungsberichte April und Oktober 1933.
- Schafpfändung 1637: LASA E 46, VId Nr. 1
- Untersuchung 1819: LASA Z 18, C 10d Nr. 168
- Fußbrücke nach Hermerode: LASA C 51 Rammelburg, Nr. 16
- Wolfgangskapelle: Zeitungsausschnitt vom 11. Juni 1941 und ältere Überlieferung
- Hallische Nachrichten, Nr. 134, 11. Juni 1941, S. 6: bereitgestellter Originalausschnitt.