Steinbrücken und das Umland

Kleine Kapellen.
Große Geschichten.

Ein Spritzenhaus wird zum Gotteshaus. Eine Kirche verschwindet zwischen Bäumen. Und eine Glocke wandert nach Abberode.

Wer nach den Kirchen unserer Gegend fragt, entdeckt mehr als die Türme von Abberode und Tilkerode. Schon Steinbrücken hält zwei ganz unterschiedliche Kapellengeschichten bereit. Weiter draußen führen die Spuren zu verlassenen Dörfern, einer Schlosskapelle und sogar zu einer alten Andachtseiche.

Steinbrücken: erst Spritzenhaus, dann Kapelle

Ja, Steinbrücken besitzt eine erhaltene Kapelle! An der Steinstraße 16, am südlichen Ortsausgang, steht das kleine Gotteshaus, das in der Denkmalliste unter der Nummer 094 65244 geführt wird. Die dort vermerkte frühere Nutzung überrascht: ein Spritzenhaus. Aus einem Gebäude für den Brandschutz wurde ein Ort für Gebet und Gottesdienst. Auch solche Umnutzungen gehören zur Dorfgeschichte.[1]

Die erhaltene Kapelle in Steinbrücken, fotografiert im Juli 2004
Ein kleines Haus mit einer besonderen zweiten Aufgabe: die Steinbrückener Kapelle im Juli 2004. Wo zuvor die Feuerspritze ihren Platz hatte, bekam das Dorf einen Raum für seinen Glauben.Foto: Dguendel / Wikimedia Commons · CC BY 3.0 · unverändert.

Wann genau der Bau entstand und wann er zur Kapelle umgestaltet wurde, ist eine schöne Frage für die nächste Spurensuche. Vielleicht gibt es noch ein Foto vom Spritzenhaus oder eine Erinnerung an die Einweihung in den Familien.

St. Wolfgang: die ältere Kapellengeschichte

Die heutige Kapelle ist von der verschwundenen Wolfgangskapelle zu unterscheiden. Die ältere Überlieferung führt ins Jahr 1501. Hartmut Kühne erschließt sie anhand von Spangenbergs Chronik: 1539 ließ Graf Albrecht den Bau abbrechen; die kleine Glocke kam nach Abberode. Der genaue Standort bleibt offen.[2]

Drei Männer, Zahnschmerzen und ein Versprechen: die ganze Geschichte ↗

Volkmannrode: die Kirche neben dem Gericht

Beim Rügegericht lässt sich mehr entdecken als die bekannte Gerichtshütte. Die Stadt Mansfeld nennt in unmittelbarer Nähe Turmreste der „Wüsten Kirche“. Hier erinnern also weltliche und kirchliche Spuren gemeinsam an ein verschwundenes Dorf.[3]

Die offene Holzhütte und die Kirchenreste sind zwei verschiedene Bauwerke. Von 1608 bis 1875 wurde am Gerichtsort über Grenzstreitigkeiten und andere Dorfangelegenheiten verhandelt. Wer die Stelle besucht, steht mitten in einer Landschaft, die einst viel dichter mit menschlichem Leben gefüllt war.

Die hölzerne Gerichtshütte am Rügegericht Volkmannrode
Unter diesem Dach wurde Recht gesprochen: die Gerichtshütte bei Volkmannrode. Die von der Stadt beschriebenen Reste der „Wüsten Kirche“ liegen in ihrer Nähe.Aufnahme aus der vorhandenen Bildsammlung.

Mehr vom Rügegericht ↗

Lichtenhagen: eine Kirche im heutigen Wald

Zwischen Wippra und Gorenzen liegt die Wüstung Lichtenhagen. Wo heute Wald und eine langgezogene Lichtung die Landschaft bestimmen, lag einst ein Dorf. Seine Kirche ist der stärkste Fund zu unserer Frage nach Gotteshäusern im Wald.

Hermann Größler beschrieb 1893 an der Nordwestecke der Waldwiese einen Steinhaufen, den man vor Ort die „wüste Kirche“ nannte. Im Gebüsch erkannte er noch den Grundriss einer halbrunden romanischen Chornische. Aus losen Steinen hatten Forstleute einen Wildanstand gebaut; ein alter Bauerstein diente darin als Sitz.[4]

Das ist ein erstaunlich anschaulicher Blick auf die Reste eines verschwundenen Dorfes. Die heutige Ortsbeschreibung erwähnt weiterhin Mauerreste und einen alten Dorfteich. Größlers genaue Beobachtung der Chornische stammt allerdings von 1893. Eine einsame Waldkapelle war das ursprünglich nicht: Der Wald hat sich eine Dorfstelle zurückgeholt.[5]

Rammelburg: St. Sebastian im Schloss

Zur Nachbarschaft gehört auch die Schlosskapelle St. Sebastian im Südflügel der Rammelburg. Die örtliche Geschichtsdokumentation führt ihre Gründung, mit Verweis auf Hermann Schotte, ins 15. Jahrhundert zurück. 1575 erhielt sie eine aufwendige Stuckdecke; später kamen weitere Ausstattungsstücke hinzu.[6]

Zwischen kleinen Dorfkapellen und einem solchen Schlossraum lagen Welten. Doch auch hier wurde getauft, konfirmiert und geheiratet. Im 20. Jahrhundert änderte sich die Nutzung des Schlosses mehrfach; 1971 wurde der Kapellenraum durch eine Zwischendecke geteilt. Seine Geschichte gehört damit ebenso zu den Brüchen der Region wie die verschwundenen Dorfkirchen.

Das Amt hinter unseren Dörfern ↗

Annarode: Andacht unter einer Eiche

Im weiteren Umland überliefert Spangenberg eine große Eiche bei Annarode mit einem Kruzifix. Menschen sollen dort Heilung gesucht und Krücken zurückgelassen haben. Kühne behandelt diesen Chronikbericht als Spur eines Wallfahrtsortes. Eine gebaute Kapelle oder ein heute bestimmbarer Standort ist damit nicht nachgewiesen.[2]

Wer kennt noch einen alten Kirchweg?

Ein Flurname, eine Erzählung der Großeltern oder ein unscheinbarer Eintrag auf einer alten Karte kann weiterführen. Besonders suchen wir Nachrichten zur Umwandlung des Steinbrückener Spritzenhauses und zum Standort der Wolfgangskapelle.

Eine Spur beisteuern ↗

Quellen zum Weiterlesen

Recherche: 26. Oktober 2026. Die erhaltene Steinbrückener Kapelle, verschwundene Kirchen und reine Chroniküberlieferungen werden jeweils am betreffenden Ort erläutert.

  1. Denkmalliste Mansfeld, Steinbrücken: Steinstraße 16, Kapelle / ehemaliges Spritzenhaus, Nr. 094 65244; ergänzend Mansfeld, Abschnitt Religion. Die online zusammengestellte Liste beruht auf dem Landesdenkmalverzeichnis.
  2. Hartmut Kühne: Der Harz und sein Umland – eine spätmittelalterliche Wallfahrtslandschaft? (2002), S. 93, besonders Anm. 48. Auswertung von Cyriacus Spangenbergs Mansfeldischer Chronica; zu Steinbrücken auch Schottes Rammelburger Chronik.
  3. Stadt Mansfeld: Klage- und Rügegericht zu Volkmannrode – Gerichtshütte und Turmreste der Wüsten Kirche.
  4. Hermann Größler: Beschreibende Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler des Mansfelder Gebirgskreises (1893), gedruckte S. 66 – Lichthagen / Lichtenhagen westlich von Gorenzen.
  5. Harzlife: Wüstung Lichtenhagen – heutige Landschaft und Überreste.
  6. Geschichtsdokumentation Schloss Rammelburg: Schlosskapelle – mit Nachweisen zu Schotte und zur Ausstattung.

Bildnachweis der Steinbrückener Kapelle direkt am Foto. Weitere Bilder: vorhandene Sammlung.

← Zurück zu den Kirchen