Unter alten Linden
Mächtige Kronen, eine verschwundene Siedlung und ein Gericht unter freiem Himmel. Ein Ausflug zu den Linden von Volkmannrode und am Mühlenweg.
Ein paar Schritte weg von der Straße, und der Alltag wird leiser. Unter breiten Kronen stehen eine kleine Gerichtshütte und die Reste einer Kirche. Die Linden von Volkmannrode machen aus einem Waldplatz einen Ort, an dem man unwillkürlich länger bleibt.

900 Jahre? Eine Geschichte mit mehreren Bäumen
Die Bezeichnung „900-jährige Linden“ klingt nach einem einzigen, uralten Naturwunder. Doch am Rügegericht muss man unterscheiden: Die frühere Gerichtslinde soll einen Stammumfang von 30 Fuß gehabt haben. Nach regionalen Darstellungen stürzte sie 1860 um. Bereits im Oktober desselben Jahres pflanzte man bei der Kirchenruine eine neue Linde.
Diese Nachfolgerin ist im Herbst 2026 rund 166 Jahre alt. Andere alte Bäume gehören ebenfalls zu dem eindrucksvollen Ensemble. Ein gesichertes Alter von 900 Jahren für die heute dort stehenden Linden lässt sich aus den ausgewerteten Quellen nicht ableiten. Ihre Wirkung braucht diese Zahl ohnehin nicht: Man steht zwischen lebendigen Baumriesen und einer Geschichte, die viel weiter zurückreicht als ein Menschenleben.
Hier wurde zweimal im Jahr Recht gesprochen
Die Stadt Mansfeld beschreibt die erhaltene Gerichtshütte als Bau des frühen 17. Jahrhunderts. Für 1608 bis 1875 nennt sie Gerichtstage zu Walpurgis am 1. Mai und zu Michaelis am 29. September. Verhandelt wurden Grenzstreitigkeiten und Verstöße gegen Jagd- und Forstrechte; auch Abgaben wurden eingezogen.
Besonders anschaulich wird der Platz in Herrmann Rahns Bericht von 1870: Um die Hütte versammelten sich die zur Teilnahme verpflichteten Familien. Ein Vertreter musste erscheinen, sonst wurde eine Geldstrafe fällig. Einige Familien hatten eine andere Aufgabe – sie mussten Forellen für das anschließende Essen des Gerichtspersonals fangen. Ein sehr handfester Alltag unter ehrwürdigen Kronen.
Was geschah mit der alten Linde?
Hier steckt ein kleines historisches Rätsel. Während spätere Ortsbeschreibungen vom Umsturz 1860 sprechen, beklagt Rahn 1870 am Ende seines Textes eine mutwillige Zerstörung der ehrwürdigsten Linde, die zehn Jahre zuvor noch grün gewesen sei. Einen schweren Sturm als gesicherte Ursache können wir daraus nicht machen. Gerade solche Unterschiede machen alte Berichte spannend.
Auch am Mühlenweg steht eine mächtige Linde
Der Harzverband beschreibt außerdem eine Linde auf einem kleinen Hügel am Abzweig des Mühlenwegs, an der Straße von Tilkerode Richtung Stangerode. Sie ist ein eigener Wegpunkt und darf nicht mit den Bäumen an der Gerichtshütte verwechselt werden. Wer die Wanderung zum Rügegericht wählt, kann beide Orte kennenlernen.
Am Gericht selbst erzählen die Kirchenruine, die Hütte und die Bäume gemeinsam von einem verschwundenen Dorf. Mehr dazu steht in unserer Geschichte des Rügegerichts und bei den Kirchenspuren im Wald.
Quellen zum Weiterlesen
Recherche: 26. Oktober 2026. Bildnachweise stehen jeweils direkt am Bild.
- Harzlife: alte Gerichtslinde, Umsturz 1860 und Nachpflanzung im Oktober 1860.
- Stadt Mansfeld: Gerichtshütte und Gerichtstage von 1608 bis 1875.
- Herrmann Rahn: Altdeutsches Rügegericht in den Harzer Bergen, Die Gartenlaube 1870, S. 436–438. Zeitgenössische Beschreibung; sein Schluss schildert die verlorene Linde anders als spätere Ortsdarstellungen.
- Dr. Klaus George / Harzverband: Wanderung ab Abberode, Linde am Mühlenweg und Gerichtsstätte Volkmannrode.