Gold, Grenze und Bergbau

Tilkerode

Ein Dorf mit anhaltischer Vergangenheit, einer besonderen Bergbaugeschichte und ungewöhnlichen Grenzverhältnissen.

So nah und doch einst jenseits der Grenze: Tilkerode mit St. Wilhelm, im April 2017.
So nah und doch einst jenseits der Grenze: Tilkerode mit St. Wilhelm, im April 2017. Foto: Dguendel / Wikimedia Commons · CC BY 4.0 · verkleinerte Fassung.

Nur ein paar Schritte vom Nachbarn entfernt und doch lange eine andere Welt: Tilkerode war anhaltisch, Abberode mansfeldisch. Dazu kommen Goldmünzen, seltene Minerale und sogar eine Spur ins Periodensystem. Wer hier nur an einem kleinen Dorf vorbeifährt, übersieht eine erstaunlich große Fundgrube.

Ein neuer Anfang jenseits der Grenze

Tilkerode war zeitweise verlassen. Seine Geschichte hätte an dieser Stelle enden können. Doch nach 1661 wurde wieder gebaut. Auch Menschen aus dem abgebrannten Abberode kamen herüber und richteten sich neu ein. Der kurze Weg hatte einen langen politischen Schatten: Tilkerode gehörte zu Anhalt, Abberode zum mansfeldischen Herrschaftsbereich.

Die alte Grenze steckt heute in einem unscheinbaren Stein am Straßenrand. „K. P.“ steht für Königreich Preußen, darunter ist die Nummer 5 zu lesen. Wo man heute einfach weitergeht, hatten früher Fürsten, Beamte und Nachbarn ihre ganz eigenen Vorstellungen davon, wem welche Rechte zustanden.

Zwischen Zaun und Dorfstraße steht noch ein Stück Landesgrenze: der Stein mit „K. P.“ und der Nummer 5.
Zwischen Zaun und Dorfstraße steht noch ein Stück Landesgrenze: der Stein mit „K. P.“ und der Nummer 5. Foto: Jwaller / Wikimedia Commons · CC BY-SA 4.0 · verkleinerte Fassung.

116 kleine Stücke Harz

Viele Bergleute suchten hier nach Eisenerz. Die berühmteste Ausbeute passte dagegen in wenige Hände: Aus Tilkeröder Gold entstanden 1825 nur 116 Dukaten. Die Berliner Medaillenfirma Loos fertigte sie zu Geschenkzwecken. Eine Münze war damit zugleich eine Botschaft: Auch Anhalt hatte sein eigenes Gold.

Die Aufschrift „EX AURO ANHALTINO“ sagt es selbstbewusst: aus anhaltischem Gold. Das kleine „Z“ auf der Münze erinnert an Bergrat Zincken. Wer heute durch die Felder läuft, sieht von diesem Glanz wenig. Eine bewachsene Halde genügt jedoch, um zu ahnen, wie viel Arbeit unter der ruhigen Landschaft steckt.

Ein bewachsener Hügel im Feld – und darunter steckt Bergbaugeschichte. Halde im Eskeborner Revier, April 2017.
Ein bewachsener Hügel im Feld – und darunter steckt Bergbaugeschichte. Halde im Eskeborner Revier, April 2017. Foto: Dguendel / Wikimedia Commons · CC BY 4.0 · verkleinerte Fassung.

Die ganze Geschichte vom Tilkeröder Gold ↗

Ein grüner Strich, der bis London führte

Eine der überraschendsten Tilkeröder Geschichten beginnt mit Material, das man leicht für wertlosen Rest halten könnte. Der Chemiker William Crookes berichtete 1861 selbst, sein Lehrer August Wilhelm von Hofmann habe ihm elf Jahre zuvor eine selenhaltige Ablagerung aus einer Schwefelsäurefabrik in Tilkerode im Harz überlassen.

Crookes gewann daraus Selen und bewahrte Rückstände auf. Anfang 1861 untersuchte er sie erneut. Im Spektrum erschien eine auffallend grüne Linie, die zu keinem bekannten Element passte. Aus dem aufgehobenen Rest wurde eine Entdeckung: Thallium. Der Name, den Crookes im Mai vorschlug, spielt auf einen grünen jungen Trieb an.

Tilkerode steht also tatsächlich in Crookes’ eigenem Bericht – als Herkunft seiner Probe. Eine kleine Materialspur aus dem Harz führte zu einem neuen Eintrag im Periodensystem.

Ein Dorfname im Mikroskop

Der Bergbau war längst Geschichte, als Tilkerode noch einmal mineralogische Neuigkeiten lieferte. 2020 beschrieben Forscher Tilkerodeit, benannt nach dem Fundort. Die untersuchten Körner sind bis zu drei Tausendstel Millimeter groß. Ein ganzes Dorf passt hier gewissermaßen in einen Namen, den man ohne Mikroskop nicht sehen kann.

Gefunden wurde das neue Mineral bei der erneuten Untersuchung älteren Probenmaterials. Manchmal muss man also gar nicht tiefer graben. Man muss genauer hinsehen.

Auf dem Bergbaulehrpfad nach den Spuren suchen ↗

St. Wilhelm und die ruhige Seite des Dorfes

Zwischen all den Erzen und Entdeckungen gehört auch ein stillerer Ort zu Tilkerode: St. Wilhelm. Die heutige Kirche entstand 1936. Auf den alten Ansichtskarten sieht man noch die frühere Kapelle, daneben Gasthof und Saal. Zusammen erzählen diese Bilder von einem Dorf, das sich nicht auf seine Bergbaugeschichte reduzieren lässt.

Die Treppe hinauf nach St. Wilhelm: Tilkerodes Kirche zwischen Bäumen und Dorfstraße, September 2014.
Die Treppe hinauf nach St. Wilhelm: Tilkerodes Kirche zwischen Bäumen und Dorfstraße, September 2014. Foto: Jwaller / Wikimedia Commons · CC BY-SA 3.0 de · verkleinerte Fassung.

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Weitere Bilder und Dokumente

Historische Ansichtskarte mit Gasthof, Untermühle und Kapelle in Tilkerode · Privatsammlung
Historische Ansichtskarte mit Gasthof, Untermühle und Kapelle in Tilkerode · Privatsammlung
Gasthof „Zur Erholung“ in Tilkerode, Besitzer Friedrich Ernst, historischer Postkartenausschnitt · Privatsammlung
Gasthof „Zur Erholung“ in Tilkerode, Besitzer Friedrich Ernst, historischer Postkartenausschnitt · Privatsammlung
Kapelle in Tilkerode auf einem historischen Postkartenausschnitt · Privatsammlung
Kapelle in Tilkerode auf einem historischen Postkartenausschnitt · Privatsammlung
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St. Wilhelm: Eine Kirche, zwei Neuanfänge.

Die Geschichte der Tilkeröder Kirche – vom Dorfneubeginn im 17. Jahrhundert bis zum Bau von 1936.

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