Glaube, Dorfleben und steinerne Erinnerungen

Die Kirchen.

Ein Turm bleibt. Ein Foto öffnet eine Tür. Und plötzlich stehen wir wieder in einem Raum, den es so längst nicht mehr gibt.

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Wie nach einem Brand ein Dorf wieder auflebte – und wie seine Bewohner 1936 gemeinsam eine neue Kirche bauten.

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Abberode · St. Stephanus

St. Stephanus:
ein Blick nach innen.

Wer heute den Abberöder Kirchturm sieht, muss sich das Kirchenschiff dazudenken. Diese Aufnahme von 1931 nimmt uns die Mühe ab. Wir schauen durch die Bankreihen nach vorn: zur Kanzel, zu den gedrehten Säulen, zu Altar und Taufstein.

Unsere Sammlung führt von der Abberöder Kirche weiter nach Tilkerode zu St. Wilhelm zur erhaltenen Kapelle in Steinbrücken und zu verschwundenen Kirchen im Umland. Weitere Bilder, Quellen und Erinnerungen kommen nach und nach dazu.

Innenraum der Abberöder Kirche 1931 mit Bankreihen, Taufstein, Altar und reich gestalteter Kanzel
Ein Sonntag könnte gleich beginnen: Das Licht fällt durch die hohen Fenster, vor den Bankreihen steht der Taufstein, darüber erhebt sich die reich geschmückte Kanzel. So sah die Abberöder Kirche 1931 von innen aus.St. Stephanus, Abberode · 1931 · historische Aufnahme aus der bereitgestellten Sammlung. Bild anklicken, um die Originaldatei zu öffnen.
Ein Besucher aus dem Jahr 1893 erzählt

Alt, blau und voller Geschichten.

Vier Jahrzehnte vor dieser Fotografie erschien die Abberöder Kirche in einem Denkmalinventar. Hermann Größlers Band über den Mansfelder Gebirgskreis beschreibt einen sehr alten, roh aus Feldsteinen errichteten Turm. Das Kirchenschiff dagegen war für den Verfasser ein jüngerer Bau: Die Inschriften über den Türen nennen 1769.

Im Inneren muss es kräftig ausgesehen haben. Decke, Wände und Emporen waren nach der Beschreibung mit einem gemusterten indigoblauen Anstrich versehen. Der damalige Betrachter fand das „geschmacklos“. Uns verrät sein strenges Urteil vor allem, dass dieser Kirchenraum alles andere als farblos war. Welche Farben 1931 noch zu sehen waren, erzählt das Schwarzweißfoto allerdings nicht.

Bemerkenswert ist auch eine kleine Klammer im Buch: Die Kirche sei vielleicht dem heiligen Laurentius geweiht gewesen. Das Inventar hält damit eine historische Vermutung fest. Der Kirchenkreis führt das Gotteshaus heute als St. Stephanus; auch die Form St. Stephani ist gebräuchlich. In der bereitgestellten Bildsammlung begegnet auch die Bezeichnung St. Stephanie.

1769

Die Türen nennen das Jahr

Die Jahreszahl steht im Faksimile und in den wiedergegebenen Bauinschriften. Sie lautet 1769, nicht 1789.

2 Flügel

Ein älterer Altar lebt weiter

1893 werden zwei beidseitig bemalte Flügel eines Altarschreins beschrieben – mit Heiligenbildern und Maria mit dem Christuskind.

1652

Eine Glocke erzählt vom Feuer

Die kleinere der beiden damals beschriebenen Glocken trägt eine Inschrift über drei gleichzeitig neu gegossene Glocken.

Was aus einer älteren Kirche blieb.

Die beiden Altarflügel führen noch weiter zurück als der Bau von 1769. Das Inventar beschreibt Laurentius mit dem Rost, die von vier Engeln gehaltene heilige Kümmernis und Maria mit dem bekleideten Christuskind. Maria steht in einem Strahlenkranz auf einer Mondsichel mit Gesicht. Auf einer Rückseite nennt der Text außerdem zwei weitere Heiligenfiguren.

Die Abbildung von 1931 zeigt einen reich gestalteten Kanzel- und Altaraufbau. Wo die 1893 beschriebenen Flügel damals angebracht oder aufbewahrt waren, lässt sich auf dieser Aufnahme nicht sicher erkennen. Ihren späteren Weg nach Tilkerode können wir inzwischen nachverfolgen.

Zwei Glocken – und die Spur einer dritten.

1893 hängen laut Inventar zwei Glocken im Turm. Die größere misst 1,08 Meter im Durchmesser, wurde 1756 von J. Georg Uhlrich in Laucha gegossen und trägt das Mansfelder Wappen sowie die Worte Gloria in excelsis – Ehre sei Gott in der Höhe.

Die kleinere, 77 Zentimeter im Durchmesser, stammt von 1652. Ihre Inschrift erzählt, dass Hans Heinrich Rausch aus Erfurt drei Glocken „wieder in Braunroda“ gegossen habe. Schon Größler fragt sich deshalb, ob sie ursprünglich für Bräunrode oder für Abberode bestimmt waren. Eine kleine Glockeninschrift öffnet hier eine große Frage.

Weiter zur Glockenweihe von 1931 und ihrem Fotoalbum ↗

Die Ausstattung ist weitergewandert

Ein Stück Abberode in Tilkerode.

Die beiden alten Altarflügel sind mehr als eine Erinnerung im Buch. Der Harzverband berichtet, dass restaurierte Teile des Flügelaltars aus St. Stephanus in der Kirche Tilkerode zu sehen sind. Auch der Dehio nennt zwei bemalte Flügel vom Ende des 15. Jahrhunderts, die nach Tilkerode abgegeben wurden. So führt der Weg von unserer verschwundenen Kirche ganz unmittelbar zur Nachbarkirche.

Zu den Altarflügeln in St. Wilhelm ↗

Und der Taufstein?

Für ihn führt die Spur weiter: Der Dehio verzeichnet einen romanischen, kufenförmigen Taufstein aus Abberode in der Stiftskirche St. Pancratius in Hamersleben. Damit gibt es für diese Nachricht einen kunsthistorischen Nachweis über die Online-Denkmalliste hinaus. Ob es genau der auf unserem Innenraumfoto von 1931 sichtbare Stein ist, verdient einen Bildvergleich.

Quellen: Harzverband, Ortsdarstellung Abberode; Dehio, Sachsen-Anhalt II, Eintrag Abberode, S. 1.

Das Schiff verschwindet. Der Turm bleibt.

Mitte der 1980er Jahre musste das baufällige Kirchenschiff nach der Darstellung des Harzverbands abgerissen werden. 1998 wurde der Turm mit Mitteln der Dorferneuerung restauriert. Die Stadt und der Kirchenkreis bestätigen die Turmrestaurierung. Der Raum aus unserem Foto ist verloren; der Turm und die erhaltene Ausstattung tragen seine Geschichte weiter.

Harzverband zur Baugeschichte · St. Stephanus beim Kirchenkreis

12. Juli 1932

Ein Blick von oben.

Historisches Schrägluftbild von Abberode und Tilkerode mit Höfen, Straßen und kleinteiliger Feldflur
Ein Sommertag über unseren Dörfern: Dächer rücken zusammen, Wege ziehen hinaus, und ringsum liegt ein Mosaik aus schmalen Feldern. Dieses Luftbild entstand am 12. Juli 1932 – nur ein Jahr nach der Glockenweihe.Hansa-Luftbild · 12. Juli 1932 · Landesarchiv NRW, RW 0229 Nr. 36934 · bereitgestelltes Digitalisat · Originalnachweis im Archivportal NRW · CC BY-SA.

Zum Innenraum von 1931 kommt nun die Landschaft um die Kirche hinzu. Aus der Luft sehen wir, wie eng die Höfe zusammenliegen und wie die Straßen die beiden Nachbarorte verbinden. Für die genaue Baugestalt bleiben die nahen Kirchenaufnahmen aus dem Glockenalbum besonders wertvoll.

Das Luftbild bei Häuser, Höfe & Wege entdecken ↗

Die Suche geht weiter

Wo die nächsten Bilder warten könnten.

Es gibt konkrete Bauakten zur Abberöder Kirche. Drei besonders lohnende Einstiege sind hier zusammengestellt. Die Akten sind nachgewiesen; ob sie Fotos oder Zeichnungen enthalten, muss die Einsicht zeigen.

Bauakten zur Abberöder Kirche
Archiv und SignaturZeitraumWas die Spur verspricht
Landeskirchenarchiv Magdeburg
Rep. A, Bau III: Halb. – 248
1950–1998Bauarbeiten an der Kirche: Ansatzpunkt für Verfall, Abbruch und Turmrestaurierung.
Landesarchiv, Wernigerode
A 12a III, Nr. 874
1768Neubau der Kirche, unmittelbar vor dem in den Bauinschriften genannten Jahr 1769.
Landesarchiv, Merseburg
C 55 Sangerhausen I, Nr. 61
1841–1878Unterlagen zu kirchlichen Gebäuden in Abberode aus dem Hochbauamt.

Auch das Kirchensiegel ist eine lohnende Spur. Schon das Inventar von 1893 beschreibt darauf das Kirchengebäude samt Westturm und Satteldach. Ein gut erhaltener Abdruck auf einem alten Brief oder einer Kirchenrechnung könnte diese kleine Ansicht wieder sichtbar machen.

Weitere Anhaltspunkte sind das Pfarrarchiv beim zuständigen Pfarramt, die Denkmalunterlagen in Halle und die Überlieferung des Kreises. Besonders willkommen bleiben Konfirmations- und Hochzeitsbilder: Auf ihnen kann der Kirchenraum ganz nebenbei mit überliefert sein.

Zwei weitere Ansichtskarten als Suchspuren

Aus der neuen Materialsammlung kommen Hinweise auf eine Lithografie „Gruss aus Abberode“ um 1900 (akpool, Nr. 5.101.197) und eine Straßenansicht „Gruß aus Abberode i. H.“ von 1917 (Nr. 5.052.202). Beide sollen Kirche beziehungsweise Turm und Schiff zeigen. Die Hinweise ergänzen unsere vorhandenen Ortskarten; die Verkaufsabbildungen sind hier nicht übernommen.

Neue Bilder aus dem Album von 1931

Eine Glocke kommt nach oben.

Die Gesamtansicht zeigt Turm, Kirchenschiff und Besucher auf dem Kirchhof. In der Nahansicht rückt das Geschehen an der offenen Turmwand ganz nah heran.

Kirche und Kirchhof 1931; vor dem geöffneten Glockengeschoss hängt eine Glocke
Noch sind Kirche und Turm ein gemeinsamer Bau. Auf dem Kirchhof stehen die Besucher, oben vor der geöffneten Turmwand hängt eine Glocke. Die Aufnahme hält einen besonderen Moment der Glockenweihe 1931 fest.Abberode · Glockenweihe 1931 · historische Aufnahme aus der bereitgestellten Sammlung
Nahansicht des geöffneten Fachwerkgeschosses mit Glocke, Seilen und beteiligten Männern
Ein Blick nach oben: Seile, Balken und helfende Hände begleiten die Glocke vor der Turmöffnung. Die Nahansicht zeigt, wie viel Handarbeit hinter dem Festtag steckt.Abberode · Glockenweihe 1931 · historische Aufnahme aus der bereitgestellten Sammlung

Zum vollständigen Album der Glockenweihe ↗ · Wer erkennt die Besucher? ↗

Selbst nachlesen

Die beiden Originalseiten.

Ein Blick in den alten Druck lohnt sich: Bauinschriften, Heiligenbilder und Glockentexte stehen hier unmittelbar nebeneinander. Unter den Bildern lässt sich der Abberöder Abschnitt auch als lesbarer Text aufklappen.

Faksimile der gedruckten Seite 1: Abberode, Kirchenbau von 1769, Bauinschriften und Altarflügel
Abberode eröffnet den Band: Auf Seite 1 geht es vom Dorf zwischen Preußen und Anhalt direkt in die Kirche – zu Türen, Farben und alten Altarbildern.
Hermann Größler, Denkmalinventar 1893, S. 1 · Digitalisat: Universitätsbibliothek Heidelberg.
Faksimile der gedruckten Seite 2: Fortsetzung Abberode mit Glockenbeschreibung und Inschriften; darunter beginnt Ahlsdorf
Auf Seite 2 kommen die Glocken zu Wort. Die kleinere erzählt von einem Guss im Jahr 1652 – und lässt die Frage offen, für welches Dorf sie zuerst bestimmt war.
Hermann Größler, Denkmalinventar 1893, S. 2 · Unterhalb des Abberöder Textes beginnt der Abschnitt Ahlsdorf. Digitalisat: Universitätsbibliothek Heidelberg.
Den Abberöder Buchtext lesen

Lesefassung nach den bereitgestellten Seiten 1–2. Zeilenumbrüche und Worttrennungen sind aufgelöst; Schreibweise und historische Deutungen bleiben weitgehend erhalten. Baujahr und Entfernung wurden am Faksimile zu 1769 und 16 km berichtigt. Einzelne Buchstaben der Türinschriften sind im kleinen Druck schwer zu entziffern.

Pfarrkirchdorf an dem Flüsschen Eine, 16 km westlich von Hettstedt, vormals im Schwabengau (in der Grafschaft Falkenstein?), in geistlicher Hinsicht im Harzbanne (bannus nemoris) gelegen. Das Dorf ist eine sehr alte Rodung (urkundlich vielleicht schon 937 Hebenroth, sicher 984 Abenrod, 1409 Aberode – Rodung des Abi, Abo oder Abbo). Die Dorflage samt den Gärten ist preussisch; die die Gärten umschliessende Dorfflur dagegen gehört ins Herzogtum Anhalt, wodurch den Bauern manche Unannehmlichkeit, namentlich in Handhabung der Polizei, erwächst. Dieses sonderbare Verhältnis soll auf einem seit Jahrhunderten schwebenden Processe zwischen der preussischen Herrschaft Rammelburg (jetzige Besitzerin Freifrau v. Friesen) und dem Herzog von Anhalt beruhen.

Das Dorfsiegel mit der Inschrift: „Gemeinde Abberode“ zeigt gekreuzte Eichenzweige; das Siegel der (vielleicht dem h. Laurentius geweihten) Kirche das Bild des Kirchengebäudes nebst westlich vorliegendem, mit einem Satteldach versehenen Turme.

Der aus Feldsteinen roh aufgeführte Turm ist sehr alt, aber ohne jede bemerkenswerte Eigenheit. Das Kirchengebäude dagegen ist ein moderner Bau aus dem Jahre 1769, wie folgende Inschriften bekunden.

Ueber der Nordthür:

I. I. Hb. Rob. .. Anno 1769.

Auspicio Numinis M D CCLXIX.

Thue auf unseren Mund zum Lobe dein,

Bereit unsere Herzen zur Andacht sein.

J. L. F. K. v.

Ueber der Südthür:

Hoc | Aedisicium (sic!) Dei in honorem | exstructum | M D CCLXIX. |

Bedenk o Mensch, wohin dein Gang vor itzo geht,

Denn forn dem nach, was dort im Prediger-Buche c. 4 v. 17 steht.

1769.

In dem Innern der an Decke, Wänden und Emporen in geschmackloser Weise mit indigoblauem, gemustertem Anstrich verzierten Kirche befinden sich noch zwei Flügel eines Altarschreins, welche auf beiden Seiten bemalt sind.

Der eine dieser Flügel zeigt auf der Vorderseite den h. Laurentius mit dem Rost, auf der Rückseite die h. Kümmernis, von vier Engeln gehalten; der andere dagegen die Maria mit dem (bekleideten) Christuskinde in der Strahlen-Mandorla auf einer umgekehrten, mit Gesicht profilierten Mondsichel. Die Rückseite enthält zwei Heilige, nämlich Pankratius mit der Darmwinde und Sebastian, von Pfeilen durchbohrt.

Auf dem Turme hängen gegenwärtig nur zwei Glocken von 1,08 und 0,77 m Durchmesser. Die grössere ist im Jahre 1756 von J. Georg Uhlrich in Laucha gegossen und trägt den Spruch:

Gloria in excelsis

sowie das Mansfeldische Wappen. Die kleinere vom Jahre 1652 hat folgende Inschrift:

Aus dem Fewr sint wir alle drey zugleich geflossen.

Durch Gottes hülffe hat vns Hans Heinrich Rausch aus Erffurt

wieder in Braunroda gegossen.

Peter Dedewind. Hans Zieche. Tobias Rudolff.

Kirchväter.

Praefecto Dn. Christoph Gebhardo Goldstein,

Pastore Dn. Paulo Pfulio,

Dn. Andrea Millern scriba,

Laurentio Apitio aedituo.

An der Seite steht:

Seine Barmherzigkeit

hat noch kein Ende.

Da hier von drei zugleich gegossenen Glocken die Rede ist, so müssen 1652 von dem genannten Glockengiesser Rausch 3 Glocken vorhanden gewesen sein; fraglich ist nur, ob dieselben ursprünglich für Bräunrode oder für Abberode bestimmt gewesen sind.

Quelle: Hermann Größler (Hrsg.), Beschreibende Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler des Mansfelder Gebirgskreises, Band 18 der Reihe zu den Bau- und Kunstdenkmälern der Provinz Sachsen, Halle a. d. S., Otto Hendel, 1893, S. 1–2. Zum digitalisierten Band der Universitätsbibliothek Heidelberg ↗

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