Zeitzeugen

Als die Schlesier nach Abberode kamen

Dora kam als siebenjähriges Mädchen aus Königshütte in Oberschlesien nach Abberode. Mit kleinen Rucksäcken kam die Familie an. Zehn Jahre später fiel der Abschied schwer. Dora erzählt von einem neuen Zuhause, geteilten Schulheften und einer Mandoline, die gegen sieben Jungen anspielen musste.

Dora erzählt am Tisch von ihrer Kindheit in Abberode.
Wenn Dora erzählt, wird das Abberode ihrer Kindheit wieder lebendig. · Aus privatem Besitz

Was nimmt ein Kind mit, wenn es seine Heimat verlassen muss? Dora erinnert sich an einen kleinen Rucksack. Ihre Mutter hatte ihn in der Nacht vor dem Aufbruch aus einem Handtuch genäht. Grün und Gelb, eine große Schleife – diese Farben hat sie nicht vergessen. Für jedes der vier Kinder entstand so ein Beutel, gerade groß genug für Wäsche zum Wechseln.

Dora, Jahrgang 1937, war die Älteste. Die jüngste Schwester lag noch im Kinderwagen. Mit Mutter und Großmutter verließen sie Königshütte in Oberschlesien; der Vater war im Krieg. In den Erzählungen der Familie lebten zwei Sprachen: Deutsch im Alltag, Polnisch auch einmal dann, wenn die Kinder etwas nicht verstehen sollten. Natürlich hörten die trotzdem aufmerksam zu.

Flüchtlinge gehen mit beladenen Wagen und Gepäck über eine gepflasterte Straße.
Wagen, Bündel, ein Leben im Gepäck: schlesische Flüchtlinge unterwegs. Eine zeitgeschichtliche Aufnahme zu Doras Erzählung. · Aus privatem Besitz

Schnee in Wippra – und Tränen, die ein Kind nicht versteht

Am 19. Januar 1945 kam die Familie am Bahnhof Wippra an. Nach der Fahrt im überfüllten Zug lag vor Dora eine weiße Winterlandschaft. Aus der Industriestadt mit ihren Hütten und Kohlenschmutz war sie in eine Welt aus Schnee und Bäumen geraten. Für das Mädchen war das ein Staunen. Für die Erwachsenen bedeutete es den Verlust ihres bisherigen Lebens.

Immer wieder kommt sie im Gespräch auf diesen Gegensatz zurück: Die Kinder fanden alles aufregend, Mutter und Großmutter weinten. Warum weinen, wenn es doch so schön aussieht? Erst später ließ sich begreifen, was die beiden Frauen damals tragen mussten.

Historische Ansicht der Bahnhofstraße in Wippra mit Fachwerkhäusern und einem Pferdewagen.
Die Bahnhofstraße in Wippra auf einer historischen Aufnahme. In Wippra kam Dora mit ihrer Familie an, bevor es weiter nach Abberode ging. · Aus privatem Besitz

Vom Bahnhof wurden die Ankommenden nach Abberode gebracht. Dora sieht noch die Fahrt am Abend, das Licht und die verschneiten Bäume vor sich. Ob es Pferdewagen oder Schlitten waren, weiß sie heute nicht mehr sicher. Das Bild dieses Weges ist geblieben.

Ein Saal voller Stroh, dann ein Zimmer

Die erste Unterkunft war ein Gasthaussaal am Dorfteich. Auf dem Boden lag Stroh, dicht nebeneinander richteten sich die Familien ihre Schlafplätze ein. Für die Kinder hatte das sogar etwas von einem großen Abenteuer. Die Erwachsenen standen vor der Frage, wie es überhaupt weitergehen sollte.

Später bekam die Familie ein Zimmer in der Waldstraße 5. Dora beschreibt es noch genau: eine Ecke mit den Betten, die Waschschüssel auf einem Hocker, darunter Wassereimer. Ein großer eiserner Ofen wärmte den Raum; oben konnte Holz trocknen. Wasser musste herangetragen werden. Die Toilette lag draußen, am Ende eines langen Ganges. Später kamen zwei kleine Schlafkammern hinzu. Ein Bett und ein Nachttisch passten hinein – damals schon ein Gewinn.

Ein herzlicher Empfang war das zunächst nicht. Auch als Kind spürte Dora die Ablehnung. Zugleich schaut sie heute auf die Lage der Einheimischen: Plötzlich sollten sie fremde Menschen aufnehmen, darunter eine Familie mit vier Kindern. Dass daraus einmal Nachbarschaft werden würde, war anfangs kaum abzusehen.

Die Nähmaschine, die Türen öffnete

Doras Mutter konnte nähen, die Großmutter stricken. Das sprach sich herum. Bald standen Dorfbewohner mit Stoffen und reparaturbedürftiger Kleidung vor der Tür. Eine der ersten wichtigen Anschaffungen nach dem Krieg war eine Nähmaschine zum Treten. Von der Unterstützung für die Neuankömmlinge wurde diese Maschine angeschafft. Sie war für die Familie wichtiger als vieles andere.

Für die Arbeit gab es häufig Lebensmittel: ein Stück Butter, etwas Wurst. Als der Vater zurückkam, half auch sein Geschick. Er konnte löten und machte löchrige Emailletöpfe wieder dicht. Was heute vielleicht weggeworfen würde, war damals kostbar. Aus den Besuchen wegen eines Kleidungsstücks oder eines Topfes wurden Kontakte. Man brauchte einander und lernte sich kennen.

Ein Mädchen, sieben Jungen und dieselben Fehler im Heft

In Doras Jahrgang waren nach ihrer Erinnerung sieben Jungen und sie als einziges Mädchen. Ihre Schulhefte waren begehrt. Nachmittags wurde eines abgeholt, wanderte weiter und kam am nächsten Morgen zurück. War ihr ein Fehler unterlaufen, hatten ihn prompt mehrere andere auch. Viel später, bei einem Wiedersehen, wurde darüber gelacht – und die Jungen entschuldigten sich bei ihr.

Unterricht fand mit mehreren Jahrgängen gleichzeitig in einem Raum statt. Während der Lehrer sich mit einer Gruppe beschäftigte, mussten die anderen lesen, schreiben oder Aufgaben lösen. Dora erinnert sich an Strenge, sieht aber auch die Leistung dahinter: ein Lehrer, verschiedene Altersstufen und überall Kinder, die beschäftigt sein wollten.

Nach der Dorfschule besuchte sie zwei Jahre die Oberschule in Hettstedt und wohnte im Internat. Sechs Mädchen teilten sich ein Zimmer mit Doppelstockbetten. Für die Strohsäcke musste Stroh von zu Hause mitgebracht werden. Am Sonnabend, nach dem Unterricht, ging es wieder heim ins Dorf.

Zwischen Kaninchenfutter und Mandolinenklang

Freizeit begann oft erst nach der Arbeit zu Hause. Für die Kaninchen musste Gras her. Dann lockten Wiesen, Wege und die Eine. Dora erzählt vom Baden am aufgestauten Mühlwasser und von Streifzügen, bei denen die Eltern besser nicht alles erfuhren. Diese Freiheit ist es, die ihre Erinnerungen an Abberode bis heute so hell macht.

Musik gehörte ebenfalls dazu. Eigentlich wollte sie Schifferklavier spielen, doch das war zu teuer. Also wurde es die Mandoline. Zum Unterricht ging es hinunter zur Ermisch-Mühle. Die Stunde kostete nach ihrer Erinnerung eine Mark fünfzig – für eine Familie mit vier Kindern viel Geld. Bei Auftritten saß die Kleine mit ihrer Mandoline vor den größeren Jungen mit den lauteren Instrumenten. Ob man sie überhaupt hörte? Da ist Dora bis heute skeptisch.

Ein engagiertes Lehrerehepaar brachte Schwung ins Jugendleben: Volkstanz, Chor und gemeinsame Auftritte. Doras Mutter nähte dafür mit. Aus vorhandenem Stoff entstanden Kleider, mit Samtbändchen aufgeputzt. Es wurde getanzt, musiziert und improvisiert. Auch die Neuangekommenen gestalteten das Dorf nun mit.

Zu viel Mitgefühl für den Zahnarzt

Eine ihrer ersten beruflichen Stationen führte Dora ins Landambulatorium, als Hilfe beim Zahnarzt. Das dauerte gerade sechs Wochen. Die Patienten taten ihr so leid, dass sie mitweinte. Diese Geschichte erzählt sie noch bei der späteren Fahrt durchs Dorf. Der Beruf passte nicht zu ihr; ihr Mitgefühl war größer als die nötige Gelassenheit am Behandlungsstuhl.

Im Gemeindebüro lernte sie eine andere Seite des Dorflebens kennen. Dort gehörten die Ablieferungspflichten der Bauern zu ihren Aufgaben. In Karteien wurde festgehalten, was nach Landfläche und Viehbestand an Getreide, Kartoffeln, Milch oder Eiern abzugeben war. Wer sein Soll nicht erfüllt hatte, bekam unter Umständen keinen Schlachtschein für das eigene Schwein.

Dora ließ das nicht kalt. Sie kannte die Menschen hinter den Zahlen und sah, wie hart sie arbeiteten. Im Interview erzählt sie, dass sie auch einmal einen Schlachtschein ausstellte, obwohl das Soll noch nicht erfüllt war. Eine Erinnerung an die frühe DDR, in der große Vorgaben plötzlich ganz persönlich wurden.

Als beim Abschied auch die Abberöder weinten

1955 zog die Familie nach Halle. Dora war inzwischen achtzehn und wollte nicht mit. Hier waren ihre Freunde, ihre vertrauten Wege und ihre Jugend. Aus dem Ort der Einquartierung war ein Zuhause geworden.

Nun, erinnert sie sich, weinten auch die Menschen im Dorf. Zehn Jahre zuvor hatten die Neuankömmlinge nicht überall willkommen geheißen. Beim Abschied fehlten sie. In dieser Wendung steckt viel von Doras Geschichte: Zusammenleben wurde nicht mit einem Mal leicht. Es wuchs mit jeder Reparatur, jedem Besuch, jedem gemeinsamen Lied.

„Ich möchte die Zeit nicht missen.“

Dora verschweigt die Enge und die Härten nicht. Trotzdem bleibt für sie diese Kindheit voller Freiheit. Wenn sie davon erzählt, gehören Königshütte, Wippra und Abberode zusammen – und aus einem kleinen Handtuchrucksack wird der Anfang einer großen Lebensgeschichte.

Das Dorf, wie es früher aussah

Der Dorfteich auf einer historischen Abberöder Ansichtskarte.
Am Dorfteich begann Doras Abberöder Zeit: In einem Gasthaussaal fanden die Ankommenden zunächst Unterkunft. Historische Ansichtskarte · Aus privatem Besitz
Das Abberöder Pfarrhaus auf einer älteren Fotografie.
Das alte Pfarrhaus gehört zum Ortsbild, an das Dora sich erinnert. Ihre Familie wohnte in der Waldstraße 5. · Aus privatem Besitz
Quellen zu diesem Beitrag
  • Vier aufgezeichnete Zeitzeugengespräche mit Dora: Transkripte 260131_007_01, 008_01, 009_01 und 010_01. Die Erzählung ist redaktionell zusammengefasst; Erinnerungen und unsichere Einzelheiten sind als solche wiedergegeben.
  • Ankunft am 19. Januar 1945: für die bisherige Fassung anhand der Originalaufnahme überprüft. Wohnadresse und Herkunftsort nach den Angaben aus der privaten ortsgeschichtlichen Sammlung.
  • Doras Porträt sowie die historischen Aufnahmen von Flüchtlingen und der Bahnhofstraße Wippra wurden für diesen Beitrag bereitgestellt. Das Porträt entstand mit Doras Einverständnis zur Veröffentlichung. Die historischen Bilder sind nicht als Aufnahmen ihrer eigenen Reise belegt.
Zum Quellenverzeichnis
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