Wetter · Wald · Alltagsgeschichte

Vom milden Herbst
zum Hungerwinter.

Wie Wärme, Kälte und menschliche Arbeit den Harz veränderten – und welche Spuren davon zwischen Feld und Wald geblieben sind.

Ein warmer Herbst konnte das Brot für den Winter sichern. Ein verregneter Sommer brachte den ganzen Hof in Bedrängnis. Wer die Geschichte des Harzes verstehen will, muss deshalb auch nach dem Wetter fragen: nach reifendem Korn, gefrorenen Wassergräben und einem Wald, der weit mehr als nur Bäume lieferte.

Als der Wald neuen Feldern wich

Im Hochmittelalter entstanden im Harz neue Siedlungen, Wald wurde gerodet und Ackerland gewonnen. Die Ortsnamen auf „-rode“ bewahren diese Arbeit bis heute. Gleichzeitig erlebte Mitteleuropa eine Folge milderer Jahrzehnte, die wir rückblickend der mittelalterlichen Klimaanomalie zuordnen. Eine lange, ununterbrochene Schönwetterzeit war das keineswegs: Auch zwischen etwa 950 und 1250 gab es kalte Abschnitte.

Gute Wachstumsbedingungen konnten den Anbau erleichtern. Aber ein Dorf entstand nicht allein, weil es wärmer wurde. Bevölkerungsentwicklung, Grundbesitz, Verkehrswege und die Nachfrage des Bergbaus spielten mit. Für Abberode wäre die Behauptung, sein Gründungsjahr lasse sich aus einer Temperaturkurve erklären, viel zu einfach. Sogar das Wort „Gründung“ täuscht manchmal Genauigkeit vor: Eine erste schriftliche Erwähnung datiert eine Urkunde, nicht den Bau des allerersten Hauses.

Abberode über einem abgeernteten Feld mit Strohballen
Das Korn ist eingebracht, die Ballen liegen bereit: In dieser Sommeransicht von Abberode steckt die jahrhundertealte Hoffnung auf eine gute Ernte. Foto vom August 2004.Dguendel / Wikimedia Commons · CC BY 3.0.

Eine Kurve voller Überraschungen

Die Rekonstruktion von Rüdiger Glaser und Dirk Riemann macht das Auf und Ab sichtbar. Sie werteten historische Wetterbeobachtungen aus und übersetzten die Angaben mit statistischen Verfahren in eine Temperaturreihe für Deutschland und Mitteleuropa. Die geglättete Kurve zeigt Jahrzehnte. Einen einzelnen Frostmorgen oder eine verheerende Gewitternacht kann man daraus nicht ablesen.

Rekonstruierte Temperaturabweichungen in Deutschland und Mitteleuropa von 1005 bis 2001 mit Fehlergrenzen; warme und kalte Jahrzehnte wechseln, zum Ende der Reihe steigt die Kurve
Kein gleichmäßiger Weg vom warmen Mittelalter zum kalten Winter: Die Jahrzehnte wechseln immer wieder ihre Richtung. Das helle Band zeigt die im Datensatz angegebenen Fehlergrenzen.Eigene Grafik nach Glaser & Riemann (2009), doi:10.1002/jqs.1302; Originaldaten NOAA, Beitrag 2010-040. Bereits 11-jährig geglättete Daten unverändert dargestellt; Bezugsmittel 1761–1970. Die Reihe endet 2001 und bildet die jüngste Entwicklung deshalb nicht ab. Grafik herunterladen (SVG) · Daten (CSV).

Wichtig für den Blick auf die Weltkarte: Mittelalterliche Wärme und Kleine Eiszeit erreichten verschiedene Erdregionen zu unterschiedlichen Zeiten. Das zeigen die PAGES-2k-Auswertungen von 2019. Eine Harzer oder mitteleuropäische Geschichte ist deshalb keine Temperaturgeschichte der ganzen Erde.

Eine Eiszeit ohne Gletscher vor der Haustür

Mit „Kleiner Eiszeit“ meint die Forschung eine längere Folge kühlerer Abschnitte, die je nach Region und Definition ungefähr zwischen dem späten Mittelalter und der Mitte des 19. Jahrhunderts liegen. Der Harz verschwand dabei nicht unter einem Eisschild. Entscheidend für den Alltag waren längere Winter, Spätfrost oder kühle Sommer, in denen die Ernte schlecht reifte. Dazwischen lagen auch warme Jahre.

Für ein Dorf war deshalb nicht nur die mittlere Temperatur wichtig. Kam der Frost nach dem Austrieb? Regnete es gerade während der Ernte? Wie lange musste das Vieh im Stall gefüttert werden? Und hatte die Mühle noch Wasser, wenn der Sommer trocken blieb? Ein kleiner Unterschied im Jahresmittel konnte hinter sehr unterschiedlichen Erfahrungen stehen. Die Archive bewahren eher die gesprungene Brücke und die teure Getreidelieferung als einen durchschnittlichen Dienstag.

Das Dorf verschwand – die Äcker blieben

Besonders greifbar wird der Wandel bei einer mittelalterlichen Wüstung nahe Harzgerode. Archäologen untersuchen dort ein Reihendorf an einem Bach, Hofstellen und einen kleinen befestigten Adelssitz. Zwischen den Bäumen zeichnen sich noch Wölbäcker ab: lange, gewölbte Beete aus der Zeit, als hier gepflügt wurde. Der heutige Wald war einmal ein Arbeitsort mit Häusern, Gärten und Feldern.

Die Forschungen des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie und der Universität Göttingen brachten unter anderem Hufeisen, Reitersporen und grün glasierte Dachziegel ans Licht. Einige Funde deuten auf einen Beginn bereits im 11. Jahrhundert. Die Aufgabe des mit einem urkundlich bekannten Dorf verbundenen Platzes wird zwischen 1488 und 1562 eingeordnet. Eine Münze von 1560 könnte auch von einer späteren Nutzung stammen. So sorgfältig muss man unterscheiden, bevor aus einem Fund ein Datum wird.

Warum gingen Dörfer unter? Kältere oder nasse Jahre konnten ungünstige Äcker zusätzlich belasten. Dazu kamen Krankheit, Krieg, wirtschaftliche Veränderungen und der Umzug auf bessere Standorte. Die kleine Formel „Es wurde kalt, also gingen alle fort“ wird weder diesen Menschen noch den Funden gerecht.

Und die Burg Anhalt?

Die reizvolle Vorstellung, die Höhenburg sei einfach wegen der Kälte verlassen worden, ist nicht belegt. Das Residenzen-Handbuch beschreibt dynastische Teilungen und im 15. Jahrhundert Aufenthaltsorte in Dessau, Köthen, Bernburg, Zerbst und Hoym. Herrschaft und Verwaltung verlagerten sich. Ein zugiger Winter ist vorstellbar; als Erklärung für den Bedeutungsverlust reicht er nicht.

Der Wald führte sein eigenes Tagebuch

Die Geschichte der Harzer Wälder zeigt, wie Wetter und menschliche Arbeit ineinandergriffen. Nach der Nordwestdeutschen Forstlichen Versuchsanstalt würden unter natürlichen Bedingungen Buchenwaldgesellschaften rund 80 Prozent des Harzes bedecken; natürliche Fichtenwälder gehören vor allem in die Hochlagen. Gruben und Hütten brauchten jedoch Holz in gewaltigen Mengen. Köhler machten daraus den Brennstoff für die Verhüttung.

Als der Bergbau ab etwa 1350 stark zurückging, nahm die Buche wieder zu. Mit dem erneuten Aufschwung ab etwa 1480 gewann die Fichte erneut an Raum. Forstwirtschaft und die Nachfrage nach nutzbarem Holz formten den Wald weiter. Um 1860 bestanden die Wälder des Oberharzes zu etwa 90 Prozent aus Fichten. Diese Zahl beschreibt den Oberharz, nicht die Wälder um Abberode.

Eine erstaunlich alte Bekanntschaft ist auch der Borkenkäfer. Im 18. Jahrhundert sprach man vom „fliegenden Wurm“ und von „Wurmtrocknis“. Zwischen 1779 und 1785 wurden aus dem Harz große Schäden gemeldet. Das macht heutige Schäden nicht harmlos, zeigt aber: Die Beziehungen zwischen Baumart, Standort, Trockenheit, Sturm und Käfer haben eine lange Geschichte.

Ein ferner Vulkan griff nach dem Brot

Im April 1815 brach der Tambora in Indonesien aus. Schwefelhaltige Teilchen gelangten hoch in die Atmosphäre und schwächten die Sonneneinstrahlung. 1816 ging als „Jahr ohne Sommer“ in die Geschichte ein. Besonders schwer trafen Kälte, Regen und Ernteausfälle Südwestdeutschland; Hunger und enorme Getreidepreise folgten.

Damit ist noch kein bestimmter Hungerfall in Abberode nachgewiesen. Doch die Geschichte führt zu einer guten örtlichen Frage: Was steht in Pfarrchroniken, Kirchenrechnungen und alten Preisnotizen über 1816 und 1817? Wer nach Wetter sucht, findet oft Menschen: einen Müller ohne Wasser, einen Bauern ohne Saatgut oder eine Familie, deren Vorräte vor dem nächsten Sommer aufgebraucht waren.

Übrigens brauchte Kälte nicht immer einen Vulkan. Eine Untersuchung der 1430er Jahre fand außergewöhnlich kalte Winter bei durchschnittlichen bis warmen Sommern in Nordwest- und Mitteleuropa. In den untersuchten Modellen ließ sich dieses Muster durch innere Schwankungen des Klimasystems erklären. Auch eine „kleine Eiszeit“ bestand aus sehr unterschiedlichen Jahreszeiten.

Was ein Baumring und ein Pollenkorn verraten

Eine mittelalterliche Wetterwarte gab es nicht. Dafür bewahren Moore alten Blütenstaub, Bauholz seine Jahresringe und Chroniken Nachrichten über Frost, Ernten oder Hochwasser. Ein öffentlich zugänglicher Pollendatensatz von der Brockenkuppe enthält beispielsweise Proben aus einem Hochharzmoor. Solche Archive zeigen, welche Pflanzen wuchsen. Erst zusammen mit Datierungen und weiteren Befunden ergibt sich daraus Landschaftsgeschichte.

Für unsere Dörfer lohnt deshalb der doppelte Blick: auf die großen Klimarekonstruktionen und auf die kleinen örtlichen Spuren. Die Kurve gibt den Rahmen. Den Alltag erzählen Äcker, Wald, Mühle und die Erinnerungen in den alten Büchern.

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