Ein Brand verändert zwei Dörfer
Nach dem Feuer in Abberode beginnt die Wiederbesiedlung auf der anhaltischen Seite der Grenze.
Das Dorf entstand nach einer Brandkatastrophe neu. Seine Kirche musste Jahrhunderte später noch einmal von vorn beginnen. St. Wilhelm erzählt von beidem – und von Nachbarn, zwischen denen einmal eine Landesgrenze lag.

Nach dem Feuer in Abberode beginnt die Wiederbesiedlung auf der anhaltischen Seite der Grenze.
Eine eigene Kirche entsteht; sie prägt den Ort bis zu ihrem Abbruch 1933.
Mit Beiträgen der Familien und Unterstützung aus Anhalt entsteht der heutige Kirchenbau.
St. Wilhelm gehört zum Pfarrbereich Wippra und wird auch von der Abberöder Gemeinde genutzt.
Wer von Abberode nach Tilkerode geht, erlebt heute keinen Grenzübertritt. Im 17. Jahrhundert war das anders. Tilkerode lag auf anhaltischem Boden, das benachbarte Abberode auf der anderen Seite. Als 1661 viele Abberöder Häuser abbrannten, wurde diese Nähe zur Chance: Einige Familien bauten nicht am alten Platz wieder auf, sondern zogen ins wüst gefallene Tilkerode. Aus der verlassenen Siedlung wurde wieder ein Dorf. Die ersten neuen Häuser wurden nach der Darstellung des Regionalverbandes Harz 1662 bezogen.[1]
Ein Grenzübertritt war damals freilich keine bloße Wohnungsfrage. Eine Informationstafel des Regionalverbandes erzählt von Hans Fügener, einem Anführer der Auswanderungswilligen. Er wurde wegen unerlaubter Auswanderung festgenommen und musste schwören, nicht wieder ins Anhaltische zu gehen. Er ging trotzdem. Die kleine Ortsgeschichte führt mitten hinein in die große Frage, wem Untertanen eigentlich gehörten.[2]
Für 1672 ist der Vorgängerbau der heutigen Kirche überliefert. Der zeitgenössische Bericht zur Grundsteinlegung von 1936 nennt dieses Jahr ausdrücklich und berichtet zugleich, dass die alte Kirche 1933 wegen Baufälligkeit abgebrochen worden war. Das Bauwerk von 1936 ist also kein unverändert erhaltenes Gotteshaus aus dem 17. Jahrhundert, sondern der zweite Anfang am vertrauten Kirchenstandort.[3]
Auch die berühmte Jahreszahl 1651 braucht ihren richtigen Platz: In einem älteren Verzeichnis der anhaltischen Kirchenbücher steht sie für die Überlieferung Schielo und Tilkerode. Das heutige Archion-Verzeichnis führt unter Tilkerode Taufen ab 1663, Trauungen ab 1672 und Beerdigungen ab 1666. Kirchenbücher bewahren die Spuren einer Gemeinde; aus ihrem Anfangsjahr allein lässt sich aber noch nicht das Alter eines bestimmten Kirchengebäudes ablesen.[4][5]

Eine kleine Gemeinde verliert ihre Kirche – und baut trotzdem eine neue. Der Bericht vom 22. Juli 1936 nennt 221 evangelische Einwohner und schildert, wie die Familien gemeinsam 6.000 Reichsmark aufbrachten. Das war ein Drittel der Baukosten. Weitere Mittel kamen über den evangelischen Landeskirchenrat für Anhalt.[6]
Bei der Grundsteinlegung hielt Kreisoberpfarrer Ehrhardt aus Ballenstedt diesen Einsatz in einer Urkunde fest, die mit eingemauert wurde. Hinter den schlichten Mauern steckt damit eine Geschichte von vielen einzelnen Beiträgen. Wer heute an der Kirche vorbeigeht, sieht das Ergebnis eines Dorfentschlusses.[6]
Dass der Neubau 1936 errichtet wurde, bestätigt auch die Stadt Mansfeld. Den Bau sieht man sein vergleichsweise junges Alter nicht sofort an: Turm und Schiff, der helle Putz, das rote Ziegeldach und die hohen Fenster fügen sich wie selbstverständlich ins Dorf.[7]
Tilkerode war lange anhaltisch, Abberode gehörte später zu Preußen. Die Nachbarschaft hatte deshalb unterschiedliche landesherrliche und kirchliche Zuständigkeiten. Tilkerode wurde von Schielo aus betreut; der Regionalverband nennt diese Verbindung noch bis 1943. Das macht St. Wilhelm zum anhaltischen Gegenstück der Abberöder Kirche. Ein konfessioneller Gegensatz folgt daraus jedoch nicht: Beide Orte gehörten zur evangelischen Kirchenwelt.[1]
Heute verbindet St. Wilhelm die Nachbarn. Während in Abberode nur der alte Turm erhalten ist, nennt der Kirchenkreis für die Abberöder Gemeinde den monatlichen Gottesdienst in Tilkerode. Die frühere Grenze trennt keine Kirchwege mehr.[8]
Im Landesarchiv Sachsen-Anhalt, Standort Dessau, verzeichnet der Bestand Z 135, Bauverwaltung Ballenstedt unter VII Kirchen, Nr. 50 die Akte „Kirche in Tilkerode“ (1933–1938). Unter Nr. 31 stehen außerdem Reparaturen an den kirchlichen Gebäuden von 1894 bis 1913. Das sind konkrete Ansatzpunkte für die weitere Baugeschichte.
Ein digital einsehbarer Grundriss oder eine historische Bauzeichnung ließ sich bislang nicht ermitteln. Ob in der Bauakte Pläne liegen, kann erst die Einsicht zeigen. Auch der Name des Architekten und die Bauausstattung bleiben lohnende Fragen für die nächste Recherche.
Zum Archivalienverzeichnis ↗St. Wilhelm bewahrt auch ein Stück Abberöder Kirchengeschichte. Der Harzverband nennt restaurierte Teile eines Flügelaltars aus St. Stephanus, die nach Tilkerode gelangten. Der Dehio beschreibt zwei bemalte Altarflügel vom Ende des 15. Jahrhunderts. Wer sie betrachtet, begegnet damit einer Ausstattung, die noch deutlich älter ist als die heutige Kirche.
Das Abberöder Inventar von 1893 schildert Heiligenbilder und Maria mit dem Kind. Ein neues Foto der erhaltenen Flügel wäre eine wunderbare Ergänzung: Dann ließen sich alter Buchtext und heutiger Bestand nebeneinander betrachten.
Quellen: Harzverband, Abberode · Dehio, Sachsen-Anhalt II, S. 1. Zur Abberöder Kirche ↗
Der Kirchenkreis führt St. Wilhelm unter Hauptstraße Abberode 14, Tilkerode im Pfarrbereich Wippra. Regelmäßig ist ein monatlicher Gottesdienst angegeben. Die konkreten Zeiten findet ihr im Gemeindeblatt oder beim Pfarrbereich – ein guter Anlass, den Raum auch einmal von innen kennenzulernen.[9]
Ein Foto vom Altar, eine Konfirmation, eine Erinnerung an den Kirchenbau in der Familie: Wir suchen die Geschichten, die kein Bauverzeichnis festhält. Besonders spannend wären die Festschrift von 1936, ein Bauplan oder alte Aufnahmen vom Vorgängerbau.
Bild oder Erinnerung beisteuern ↗ Zurück zu den Kirchen ↗Recherchestand: 26. Oktober 2026. Die Darstellung trennt Kirchenbuchüberlieferung, Vorgängerbau und heutiges Kirchengebäude.
Das große Kirchenfoto wurde bereitgestellt; die historische Ansichtskarte stammt aus der vorhandenen Sammlung. Die beiden zusätzlichen Außenansichten von Jwaller werden online von Wikimedia Commons geladen.