Fest der Vereine · Abberode 2025

Drei Sachsenring,
ein großer Auftritt.

Limousine, Cabriolet und Kombi auf einer Festwiese: ein seltener Besuch und eine Reise in die Welt der großen DDR-Karossen.

Drei P 240 in Abberode: blau-weißer Kombi links, schwarzes Cabriolet in der Mitte und schwarze Limousine rechts
Ein ungewöhnliches Trio auf der Abberöder Festwiese: links der blau-weiße Kombi, daneben das offene Cabriolet und rechts die Limousine. Drei Gesichter derselben seltenen Autofamilie.Aus privatem Besitz · Abberode, August 2025

Manche Autos brauchen keine Vorfahrt, um aufzufallen. Auf der Abberöder Festwiese stehen 2025 gleich drei davon: eine schwarze Limousine, ein offenes Cabriolet und ein blau-weißer Kombi. Viel Chrom, große Formen – und eine Geschichte, die von Zwickauer Werkhallen bis zu den Auftritten der DDR-Prominenz reicht.

Die Fotografien aus privatem Besitz entstanden beim Blaulicht- und Oldtimertreffen während des Festes der Vereine. Sie zeigen drei Varianten des Horch beziehungsweise Sachsenring P 240. So dicht nebeneinander wird aus einer seltenen Begegnung eine kleine Automobilausstellung.1

Die LimousineGeschlossen, geräumig und für repräsentative Aufgaben gedacht.
Das CabrioletVier Türen, offenes Dach und ein Auftritt für besondere Anlässe.
Der KombiDie ungewöhnliche Verbindung von Eleganz und Arbeitsfahrzeug.

Als Zwickau noch die große Limousine baute

Beim Namen Sachsenring denken viele zuerst an den Trabant. Der P 240 erzählt eine andere Seite dieser Automobilgeschichte: Er war ein großer Wagen mit Sechszylindermotor. Die in den fünfziger Jahren entwickelte Baureihe wurde von 1956 bis 1959 in Zwickau gebaut. Sie kam bei Behörden und auch bei hohen Parteifunktionären zum Einsatz.23

Schon der Wechsel der Namen gehört zur Geschichte. Aus dem Horch P 240 wurde der Sachsenring P 240; im Hintergrund stand ein Streit um die weitere Nutzung des Namens Horch. Auf den Abberöder Fotos begegnen sich beide Namen bis heute: das gekrönte H auf einer Radkappe, der Sachsenring-Schriftzug am Armaturenbrett.3

Die schwarze Limousine gibt der Reihe ihren ruhigen Mittelpunkt. Neben ihr wirkt das Cabriolet fast wie eine Bühne auf Rädern. Ganz rechts beziehungsweise links – je nachdem, von welcher Seite man schaut – sorgt der Kombi für die Überraschung.

Heckansichten der P-240-Limousine, des offenen Cabriolets und des blau-weißen Kombis beim Treffen in Abberode
Auch von hinten hat jeder seinen eigenen Auftritt: das geschlossene Dach der Limousine, das gefaltete Verdeck des Cabrios und die lange Ladepartie des Kombis.Aus privatem Besitz · Abberode, August 2025

Der Kombi: vornehme Arbeit fürs Fernsehen

Blau und Weiß, ein langes Dach und viel Platz hinter der Rückbank: Dieser P 240 sieht nach mehr aus als einer Sonntagsausfahrt. Tatsächlich wurden besondere Kombiaufbauten in Halle gefertigt. Solche Wagen gehörten zur Arbeitswelt von Rundfunk und Fernsehen.3

Wie anschaulich das werden kann, zeigt ein Vergleichsstück im August Horch Museum: Dort wird ein P-240-Kombi als Reportagewagen zur Internationalen Friedensfahrt 1958 präsentiert, mit einer Zeiss-Ikon-Filmkamera. Eine elegante Karosse mitten im Sportgeschehen – damit aus dem Rennen später Bilder wurden.4

Das macht auch den Abberöder Kombi besonders reizvoll. Er erinnert daran, dass ein seltener Luxuswagen zugleich ein Werkzeug sein konnte. Welche Aufgaben genau dieser Wagen früher hatte, können seine Fahrzeugpapiere und seine Besitzer erzählen.

Helles Lenkrad mit Chromring, Instrumente und Sachsenring-Schriftzug im Innenraum eines P 240
Ein Cockpit mit Salon-Charme: das große helle Lenkrad, dazu Uhr, Radio und der elegante Sachsenring-Schriftzug. Hier genügt ein Blick aufs Armaturenbrett für eine Reise in die fünfziger Jahre.Aus privatem Besitz · Abberode, August 2025
Chromradkappe mit gekröntem Horch-H und Weißwandreifen, fotografiert in Abberode
Ein gekröntes H im Chrom: Auf der Radkappe lebt der Name Horch weiter. Und im glänzenden Metall spiegelt sich längst das heutige Dorffest.Aus privatem Besitz · Abberode, August 2025

Die Geschichte steckt im Detail.

Weißwandreifen, Chromring und ein Emblem, das man heute kaum noch auf der Straße sieht: Solche Kleinigkeiten machen den Reiz alter Fahrzeuge aus. Sie laden dazu ein, näher heranzutreten.

Am schönsten an den Abberöder Bildern ist vielleicht dieser Wechsel der Maßstäbe. Eben noch die große Staatskarosse, dann ein Blick auf ein winziges Markenzeichen – und darin spiegelt sich das ganze Fest.

Ein Cabrio für die Ehrenrunde

Zum offenen P 240 gibt es ein wunderbares historisches Bild. Am 19. Oktober 1963 waren Juri Gagarin und Valentina Tereschkowa Ehrengäste beim Fußball-Länderspiel DDR–Ungarn im Berliner Walter-Ulbricht-Stadion. Die Aufnahme von Horst Sturm zeigt Tereschkowa mit DDR-Sportlern auf einer Ehrenrunde im offenen Wagen.5

Hier wird verständlich, warum man eine große Limousine überhaupt zum viertürigen Cabriolet machte: Die Gäste sollten gesehen werden. Für einen Augenblick wurde das Auto selbst zum Teil der Inszenierung.

Valentina Tereschkowa und DDR-Sportler in einem offenen Sachsenring P 240 im Berliner Stadion, 19. Oktober 1963
Vom Weltall zur Ehrenrunde: Valentina Tereschkowa mit DDR-Sportlern im offenen P 240. Die Aufnahme entstand beim Länderspiel DDR–Ungarn am 19. Oktober 1963 in Berlin.Bundesarchiv, Bild 183-B1019-0001-051 / Sturm, Horst · CC BY-SA 3.0 DE · Commons-Fassung unverändert.Historisches Foto und Bildnachweis öffnen ↗

Und Honecker im offenen Wagen?

Auch dazu gibt es ein eindrucksvolles Archivfoto: Erich Honecker und der polnische Parteichef Edward Gierek fahren am 29. Mai 1977 durch Frankfurt an der Oder. Vorne die große Motorhaube, dahinter die winkenden Politiker, ringsum Menschen an der Straße.6

Der Wagen auf diesem Bild wird im Archiv als ZIL-111-Cabriolet bezeichnet. Damit führt die Aufnahme in die größere Welt der DDR-Staatsfahrzeuge. Den Einsatz des in Abberode fotografierten P-240-Cabrios mit Honecker belegt sie nicht. Ein gemeinsamer Fahrzeugtyp und die Geschichte eines einzelnen Autos sind zwei verschiedene Spuren.6

Edward Gierek links und Erich Honecker im offenen Staatswagen in Frankfurt an der Oder, 29. Mai 1977
Großer Auftritt an der Oder: Edward Gierek links und Erich Honecker am 29. Mai 1977 in einem offenen ZIL. Das Bild zeigt die Atmosphäre eines Staatsbesuchs und einen anderen Fahrzeugtyp als das Abberöder P-240-Cabriolet.Bundesarchiv, Bild 183-S0529-101 / Koard, Peter · CC BY-SA 3.0 DE · Commons-Fassung unverändert.Historisches Foto und Bildnachweis öffnen ↗

In der P-240-Familie gibt es außerdem den späteren, deutlich kantigeren „Repräsentant“ von 1969 für NVA-Paraden. Das rund geformte Cabriolet auf der Abberöder Festwiese gehört zur früheren Bauform.3

Heute darf jeder näher kommen.

Früher gehörten solche Wagen zu einer Welt von Dienstfahrern, offiziellen Terminen und sorgsam geplanten Auftritten. Beim Abberöder Fest stehen sie zwischen anderen Oldtimern auf der Wiese. Man kann um sie herumgehen, Formen vergleichen und die kleinen Unterschiede entdecken.

Dass diese Autos noch da sind, verdanken wir den Menschen, die sie erhalten und pflegen. Drei seltene Karossen allein wären schon ein schöner Anblick. Zusammen mit ihren Besitzern und den neugierigen Besuchern werden sie zu einem Stück lebendiger Geschichte im Dorf.

Schon 2013 gehörten alte Fahrzeuge zum Fest: Ein Ursus, ein Trabant und ein Wartburg sind in dem Fotoalbum aus privatem Besitz vom Vereinsfest 2013 zu entdecken.

Zum Dorfkosmos: Das Dorf feiert ↗ · Weitere Geschichten entdecken ↗

Quellen und Bilder zum Weiterstöbern

Recherche und redaktioneller Arbeitsstand: 27. Oktober 2026. Bildnachweise stehen jeweils direkt unter den Aufnahmen.

  1. Vier Fotografien aus privatem Besitz und die Erinnerung des Fotografen an das Treffen 2025. Veranstaltungseintrag: 12. Blaulicht- & Oldtimertreffen Abberode 2025 ↗.
  2. Sächsisches Staatsarchiv: 33466 Wissenschaftlich-Technisches Zentrum Automobilbau, Nr. 8 ↗. Fotoalbum mit Erprobung, Entwicklungsvarianten und einem P240-Paradefahrzeug; der Katalog nennt 1956–1959 für die Limousine.
  3. P 240: Überblick über Namenswechsel, Karosserieformen und den späteren Repräsentant ↗. Weiterführende Literatur: Reiner Weiß, Der P 240 „Sachsenring“, 2. Auflage 2001; Werner Lang, Wir Horch-Arbeiter bauen wieder Fahrzeuge, 2007. Die Bücher wurden für diesen Beitrag nicht vollständig eingesehen.
  4. Derbrauni: Fotografische Dokumentation des P-240-Reportagewagens im August Horch Museum, 18. August 2023 ↗ (CC BY 4.0; hier als weiterführende Bildquelle verlinkt). Zum August Horch Museum ↗.
  5. Bundesarchiv, Bild 183-B1019-0001-051 / Horst Sturm: Ehrenrunde im Berliner Stadion, 19. Oktober 1963 ↗. Der Bildtitel nennt beide Kosmonauten; die konkrete Bildbeschreibung nennt Tereschkowa mit Sportlern. Das wird in der Bildunterschrift berücksichtigt.
  6. Bundesarchiv, Bild 183-S0529-101 / Peter Koard: Edward Gierek und Erich Honecker, Frankfurt (Oder), 29. Mai 1977 ↗. Die ergänzte Archivbeschreibung bezeichnet das Cabriolet als ZIL-111.
Weitere Spuren für Fahrzeugfreunde

Die Diskussion im TT-Board zu frühen P-240-Cabrios und späteren Paradefahrzeugen ↗ enthält interessante Hinweise auf Umbauten und Besitzerwechsel. Daraus wird hier keine Identität mit einem der drei Abberöder Fahrzeuge abgeleitet. Fahrgestellnummern, ursprüngliche Nutzer und eine persönliche Nutzung durch Honecker sind für diese drei Autos noch offen.