Kurioses · Dorfleben · Archivfunde

Pleiten, Pech und Pannen in Abberode

Bergwerksverluste, ein rätselhafter Klingelbeutel und die kleine Geschichte großer Missgeschicke.

Eine goldene Münze macht noch keinen reichen Ort. Ein Aktenvermerk zum Klingelbeutel verrät nicht, wer sich darüber gestritten hat. Und ein Bulle von neun Zentnern mehr oder weniger ist noch lange nicht aus einem Brunnen gerettet. Die Geschichte Abberodes steckt voller Meldungen, die erst komisch klingen – und dann erstaunlich viel über das Dorf erzählen.

Der Schatz, der kaum Geld brachte

Stellen wir uns einen Schatz vor, der in Sammlervitrinen noch zwei Jahrhunderte später glänzt: echtes Gold aus dem Tilkeröder Revier, geprägt zu seltenen Dukaten. Und nun die weniger märchenhafte Rechnung: Aus dem gewonnenen Gold entstanden 1825 gerade einmal 116 Münzen. Die üblicherweise genannten rund 400 Gramm Gold waren spektakulär für die Geschichte des Harzes – für einen wirtschaftlich rentablen Goldbergbau aber viel zu wenig.

Historischer Golddukat aus dem Tilkeröder Goldfund des Jahres 1825
Ein echter Schatz im Bild: Tilkeröder Golddukat von 1825. Die Münze ist erhalten, auch wenn das Goldgeschäft kein großer Geldsegen wurde. Die ganze Geschichte des Goldes →

Das eigentliche Geschäft im Revier war Eisen. Doch auch dort wurde der Erfolg von einer unsichtbaren Macht begrenzt: Wasser. Je schwieriger das Wasser aus den Schächten herauszuhalten war, desto teurer wurden die Arbeiten. 1858 endete die reguläre Förderung; spätere Versuche in den 1930er-Jahren und Erkundungen 1956 änderten das auf Dauer nicht. Der Wald wächst heute über Anlagen, die einst Arbeitsplätze und Hoffnungen versprachen.

Die Ironie der Geschichte: Was den Bergleuten kaum Reichtum brachte, machte Tilkerode wissenschaftlich berühmt. Seltene Mineralien und spätere Forschungen haben den Namen des Ortes weit über das Einetal hinausgetragen.

1844: Wer kaufte eigentlich die „alte Pfarre“?

Ein Archiv trägt eine nüchterne Überschrift: „Verkauf der alten Pfarre zu Abberode“. Dazu die Jahreszahl 1844. Mehr braucht es zunächst nicht, um neugierig zu werden. Warum sollte ein Pfarrgebäude verkauft werden? War ein Neubau geplant? Wo stand die alte Pfarre, und was wurde aus ihrem Grundstück?

Die Aktenüberschrift beweist noch nicht, dass der Verkauf vollzogen wurde oder wer Käufer war. Aber sie führt unmittelbar in die Alltagsgeschichte des Pfarrhauses: Neben Predigten und Taufen mussten Grundstücke verwaltet, Gebäude unterhalten und Entscheidungen über Geld getroffen werden. Vielleicht lässt sich aus einer Rechnung oder einem Lageplan irgendwann eine ganze Baugeschichte ablesen.

Historische Fotografie des Abberöder Pfarrhauses
Pfarrhaus aus der Privatsammlung: Diese historische Aufnahme illustriert die Ortsgeschichte. Sie zeigt nicht nachweislich das 1844 in der Akte genannte „alte Pfarrhaus“. Zum Pfarrhaus-Beitrag →

1872: Ein Klingelbeutel kommt in die Akten

Selbst die Sammlung im Gottesdienst konnte Verwaltungssache werden. Im Landesarchiv liegt ein Vorgang mit dem Titel „Tragen des Zymbels in der Kirche zu Abberode“ aus dem Jahr 1872. Unter einem Zymbel verstand man einen Sammelbeutel beziehungsweise das Gerät für die Kollekte.

Das hört sich nach einer regelrechten Dorfposse an: Wer ging mit dem Beutel durch die Reihen? Wem stand diese Aufgabe zu? Ging es um die Reihenfolge oder die Einnahmen? All das wären reizvolle Fragen – aber noch keine Tatsachen. Ohne Akteninhalt ist nicht bewiesen, dass darüber tatsächlich gestritten wurde. Schon dass die Angelegenheit eine eigene Akte wert war, erzählt jedoch etwas über die Sorgfalt der damaligen Kirchenverwaltung.

Historische Innenansicht der Abberöder Kirche
Kirchenraum in Abberode: Historische Innenaufnahme aus dem vorhandenen Bildbestand. Ein passendes Originalbild eines damaligen Zymbels suchen wir noch.

1883: Ein gefährlicher Besuch im Schweinestall

Zwei Schweine des Ökonomen F. Franke sollen in einer Nacht zum Ziel eines Anschlags geworden sein: Wie das Hallesche Tageblatt im März 1883 berichtete, versuchten Unbekannte, die Tiere mit Phosphor zu vergiften. Ob die Tiere erkrankten, ob man die Täter fand und was dahintersteckte, geht aus der bisherigen Zeitungsauswertung nicht hervor.

Heute mag die Meldung wie eine bizarre Randnotiz klingen. Für einen Hofbesitzer waren zwei Mastschweine jedoch ein beträchtlicher Wert – Fleischvorrat, Einnahmequelle und Teil der Wirtschaft eines Haushalts. Aus der Meldung darf keine erfundene Detektivgeschichte werden, aber sie öffnet ein Fenster in den verletzlichen Alltag des Dorfes.

1913: Ein Bulle im Brunnen

Im August 1913 fand ein schwerer Bulle offenbar den denkbar schlechtesten Weg über den Hof. Die Zeitung meldete, dass das Tier des Landwirts Wiegand, mit 18 Zentnern angegeben, in einen Brunnen gefallen sei. Das entsprach nach dem üblichen metrischen Zentner rund 900 Kilogramm. Wie holt man ein so schweres Tier aus einem engen Schacht – ohne die Brunnenwand und das Tier weiter zu gefährden?

Die uns vorliegende Kurzmeldung beantwortet genau diese Frage nicht. Vielleicht erzählen noch Nachfahren, wie der Hof aussah. Für unsere Bildchronik wäre ein Foto des alten Brunnens, nicht etwa ein beliebiges Bild eines Bullen, die beste Ergänzung.

Historische Ansichtskarte von Abberode mit Dorfansichten
Abberode zur Zeit der Zeitungsmeldungen: Historische Ortsansichten aus der Privatsammlung; keine Fotografie des Brunnenunfalls.

1929: Ein Brief auf Weltreise – über 150 Meter

Der kürzeste Weg wäre wohl gewesen, den Brief selbst hinüberzutragen. Doch zwischen Tilkerode und Abberode brauchte ein Schreiben nach einem Pressebericht von 1929 drei Tage – für eine Entfernung von ungefähr 150 Metern. Schuld soll nicht ein unpassierbarer Weg gewesen sein, sondern die ungünstige Kombination von Briefkastenleerung und Zustellzeit.

Die Pointe passt ausgezeichnet zu einer Gegend, in der über lange Zeit sogar eine Landesgrenze zwischen eng beieinanderliegenden Häusern verlief. Ob der Grenzverlauf die Postpanne im Jahr 1929 unmittelbar verursachte, ist allerdings nicht nachgewiesen. Die ganze Postgeschichte und weitere Schlagzeilen →

1934: Die Glocke fällt – und das Dorf feiert anderswo

Eine baufällige Kirche, ein provisorischer Glockenträger, ein unglücklicher Moment: In Tilkerode berichtete die Presse 1934 vom Absturz einer Glocke. Weil die alte Kirche abgetragen war und die neue noch nicht stand, fanden kirchliche Feiern zeitweise an ungewöhnlichen Orten statt – der Konfirmationsgottesdienst etwa soll ins Gasthaus ausgewichen sein. Zwei Jahre später entstand die neue Kirche.

Historische Ansicht der Kirche in Tilkerode
Tilkeröder Kirchengeschichte: Historische Kirchenansicht. Ob die abgebildete Bauphase mit dem Glockensturz 1934 zusammenfällt, ist nicht gesichert.

2021: Ein nächtlicher Feuerwehreinsatz

Die neuere Geschichte hat ihre eigenen erschreckenden Meldungen. Eine amtliche Polizeimitteilung vom 15. September 2021 berichtet über einen Pkw-Brand in Abberode. Die Feuerwehr löschte das Fahrzeug; Menschen wurden nicht verletzt, am Auto entstand Totalschaden. Die Ermittler prüften damals den Verdacht vorsätzlicher Brandstiftung.

Für eine verantwortliche Ortschronik ist dieser letzte Punkt entscheidend: Ein Ermittlungsverdacht ist kein Nachweis und schon gar kein Urteil. In Erinnerung bleibt vor allem der nächtliche Einsatz der freiwilligen Helfer, die in solchen Momenten für die Nachbarschaft da sind.

Und die größte Panne liegt noch in einem Archivkarton

Wir kennen etliche Aktenüberschriften und kurze Zeitungsmeldungen. Manchmal fehlen aber gerade die spannendsten Details: Ging der Bulle heil aus dem Brunnen? Wohin gelangte das alte Pfarrhaus? Warum beschäftigte der Zymbel die Verwaltung? Wer diese Antworten in Familienpapieren, Erinnerungen oder alten Ortsplänen findet, kann aus einer Randnotiz eine richtige Geschichte machen – und sollte sie mit uns teilen.

Belege: Zeitungszusammenstellungen „Zeitungsartikel“ und „Pleiten, Pech und Pannen in Abberode“ (Arbeitsmaterial, mit Originalzeitungen abzugleichen), Landesarchiv – Amt Rammelburg, Regionalverband Harz, Bergbaugeschichte und Polizeimeldung 2021. Ungeklärte Einzelfragen sind ausdrücklich als offen gekennzeichnet.