Es ist noch früh. Auf den Wiesen hängt Nebel, aus dem Wald klingt das tiefe Röhren eines Hirsches. Plötzlich segelt hoch über den Äckern ein rostroter Vogel mit gegabeltem Schwanz vorbei. Und am Bach verschwindet etwas Kleines, Dunkles, kopfüber im Wasser.
Rund um Abberode treffen Buchenwälder, Felder und Bachläufe aufeinander. Genau dieser Wechsel macht die Gegend so lebendig. Hier sind Tiere zu Hause, die man oft nur hört, als Spur entdeckt oder von einer Wildkamera kennt.
Und ihre Welt verändert sich. Das Mufflon erlebte im Unterharz glänzende Zeiten und gerät heute unter Druck. Der Luchs war lange verschwunden – und ist zurück. Der Waschbär hat sich ohne Einladung breitgemacht. Die Geschichte unserer Tierwelt ist eine Geschichte voller Ankünfte, Abschiede und Überraschungen.
Was würde uns ein Wanderer von 1900 erzählen? Was ein Pilzsammler aus den 1970er-Jahren? Und was heute eine Fotofalle?
UM 1900
Der Wald der Förster
Im Herbst hallt das Röhren der Hirsche durch die Täler. Wild und Jagd gehören zur herrschaftlichen Forstwirtschaft. Ein Jagdschloss bei Volkmannrode macht 1896 sogar Schlagzeilen. Doch ausgerechnet Bär, Wolf und Luchs sind damals schon aus dem Harz verschwunden.
Und 1894 wird aus Abberode ein Hase gemeldet, der fast schwarz war – ein ungewöhnlicher „Meister Lampe“.
DDR-ZEIT
Mufflonrudel & Jagdgesellschaften
Wieder streifen große Herden durch die Wälder. Das eingebürgerte Muffelwild vermehrt sich kräftig. Gejagt wird auch – allerdings in staatlich organisierten Jagdgesellschaften, mit streng geregeltem Waffenbesitz. Viele erinnern sich noch an die eindrucksvollen Widder mit ihren schneckenförmigen Hörnern.
Der Harz zählt 1990 nach regionalen Angaben etwa 1.650 Mufflons.
HEUTE
Rückkehrer und Neuankömmlinge
Der Luchs durchstreift wieder den Harz, auch der Wolf ist zurück. Gleichzeitig machen sich Waschbären und Marderhunde breit. Seltene Feldvögel und der Feldhamster stehen unter Druck. Wer heute durch den Wald geht, bewegt sich mitten in einem Wandel.
Die spannendsten Geschichten schreibt oft die Wildkamera – ganz ohne Publikum.
Die Stars aus Wald und Flur
Wen man kennen sollte
Manche Tiere sieht man fast täglich. Andere vielleicht nie. Hier sind einige der spannendsten Bewohner der größeren Region – fotografiert an anderen Orten, aber als Artenporträt ausgezeichnet geeignet.
Es klingt wie eine kleine Sensation: Nach rund zwei Jahrhunderten ohne ansässige Luchse kehrten die Pinselohren in den Harz zurück. Zwischen 2000 und 2006 setzte der Nationalpark 24 Tiere aus; schon 2002 gab es ersten Nachwuchs. Wer auf Waldwegen unterwegs ist, braucht trotzdem viel Glück für eine Begegnung. Der Luchs ist Meister im Ungesehenbleiben.
Dass Jäger, Förster und andere Naturbeobachter Spuren und Sichtungen melden, hilft den Fachleuten, seine Verbreitung zu verstehen.
Vor gut 120 Jahren kamen die ersten Wildschafe ins Harzgeröder Revier. Ihre mächtigen, eingerollten Hörner machten sie unverwechselbar. Jahrhundertelang waren Schafe in der Landschaft ein vertrautes Bild – diese wilden Verwandten aber wurden erst um 1906 hier angesiedelt.
Heute schrumpfen viele Muffelwildbestände. Besonders Jäger setzen sich dafür ein, dass die seit Generationen eingebürgerten Tiere nicht ganz aus dem Unterharz verschwinden. Luchs und Wolf wiederum gehören ebenfalls zu einer artenreichen Landschaft. Was das für das Wildschaf bedeutet, ist eine echte und oft leidenschaftlich geführte Frage.
Hat da gerade eine große, etwas gedrungene Hauskatze den Waldweg gekreuzt? Möglich. Vielleicht war es aber eine Wildkatze. Ihr buschiger Schwanz trägt dunkle Ringe und endet auffällig stumpf. Die scheue Waldbewohnerin lebt im Harz verborgen in geeigneten Revieren; Nachweise gibt es auch aus dem Selketal.
Ein Schnappschuss allein reicht für die sichere Unterscheidung oft nicht – doch jeder Hinweis ist spannend.
04 / Die Waldboden-Expertin
Eine Bache mit Frischlingen: Aufgewühlte Waldböden sind oft das Einzige, was man von einer solchen Begegnung sieht. Foto: Fischer.H · CC BY-SA 4.0
Das Wildschwein – der Wald als Speisekammer
Wo eine Rotte Wildschweine nach Wurzeln, Engerlingen oder Eicheln gesucht hat, sieht der Boden manchmal aus wie frisch umgepflügt. Die Tiere sind klug, anpassungsfähig und fast immer vorsichtiger als ihre Besucher. Wer Frischlinge entdeckt, hält Abstand: Ihre Mutter ist meist nicht weit.
Für Landwirte können Wildschweine allerdings erhebliche Schäden verursachen. Auch deshalb gehört eine verantwortungsvolle Jagd zum Alltag dieser Landschaft.
05 / Die auffällige Kleine
Der Feuersalamander trägt sein Warnsignal auf dem Rücken. An feuchten Tagen lohnt sich der Blick an den Waldbach. Foto: FDominec · CC BY-SA 3.0
Der Feuersalamander – schwarzgelb statt Tarnfarbe
Dieser Waldbewohner macht mit leuchtenden Flecken auf sich aufmerksam. Der Feuersalamander mag kühle, feuchte Wälder und ist in Bachtälern des Harzes zu Hause. Oft bekommt man ihn erst zu Gesicht, wenn nach einem warmen Regen die Wege glänzen.
Seine Zeichnung ist so individuell wie ein Muster auf einem alten Tischtuch. Anfassen muss man ihn dafür nicht – am schönsten bleibt die Begegnung aus etwas Abstand.
06 / Die Unterwasser-Spaziergängerin
Die Wasseramsel kann etwas, das kaum ein anderer Singvogel beherrscht: Sie taucht und sucht unter Wasser nach Nahrung. Foto: Aline Deflorenne · CC BY-SA 4.0
Die Wasseramsel – ein Vogel, der zu Fuß taucht
Auf einem Stein im Bach sitzt ein rundlicher Vogel mit weißem Brustlatz. Einmal wippt er – dann verschwindet er im Wasser. Die Wasseramsel sucht im Bachbett nach kleinen Wassertieren und läuft dabei unter Wasser gegen die Strömung. An klaren, sauerstoffreichen Bächen der Harzregion ist das ein Schauspiel, das man nie vergisst.
Wer geduldig von einer Brücke aus schaut, hat manchmal die besten Chancen.
Wer die Silhouette mit dem tief gegabelten Schwanz erkennt, entdeckt den Rotmilan oft schon von weitem. Foto: Charles J. Sharp · CC BY-SA 4.0
Ein Vogel von Weltrang
Der Rotmilan hat Heimvorteil.
Von unten sieht er fast aus wie ein fliegendes Ausrufezeichen: lange Flügel, ein rostroter Körper und der tief gegabelte Schwanz. Der Rotmilan ist in Mitteleuropa besonders zu Hause; Deutschland trägt eine große Verantwortung für seine Zukunft.
Wer im Harzvorland unterwegs ist, sollte ab und zu nach oben schauen. Nicht selten ziehen Milane mit erstaunlicher Leichtigkeit über Feldränder und Wiesen. Gerade solche abwechslungsreichen Landschaften sind für sie wertvoll.
Manche große Weltreise beginnt bei uns mit einem Blick in den Himmel.
Wer in Abberode nach Geschichten über Wildtiere fragt, kommt an den Jägern kaum vorbei. Viele haben ihr Revier nicht nur am Wochenende im Kopf. Sie kennen Wechsel und Einstände, sehen, wenn das Wild ungewöhnlich unterwegs ist, beobachten Jungtiere und bemerken Veränderungen, die anderen verborgen bleiben.
Jagd bedeutet eben nicht bloß den Schuss. Zum Revieralltag gehören – je nach Person und Revier – auch Wildtierbeobachtung, Hege, die Mitarbeit beim Monitoring, das Versorgen von Unfallwild und die Zusammenarbeit mit Land- und Forstwirtschaft. Der Landesjagdverband Sachsen-Anhalt sammelt seit 1998 mit ehrenamtlicher Hilfe der Jäger Daten über Wildtierbestände.
Gerade beim Muffelwild sieht man, wie stark diese Verbundenheit sein kann. Seine Zukunft ist Jägern im Harz ein ernstes Anliegen. Das verdient in unserer Ortschronik seinen Platz – genauso wie die unterschiedlichen Auffassungen darüber, wie Wolf, Luchs, Wald und Wild am besten miteinander auskommen.
Wer den Wald liebt, lernt zuerst, genau hinzusehen.
Drei kleine Geschichten, die das Dorf nicht vergisst
1894
Ein Hase, fast schwarz wie die Nacht
Wer in einer alten Zeitung bloß von einem Feldhasen liest, blättert vermutlich weiter. Doch die Meldung aus Abberode hatte eine Besonderheit: Hier war ein schwarzer „Lampe“ zur Strecke gebracht worden. So ein Meister Lampe war selbst für erfahrene Jäger eine Nachricht wert.
Autoverkehr war noch lange keine Selbstverständlichkeit, als eine Hirschkuh auf der Chaussee zwischen Stangerode und Tilkerode vor das Fahrzeug eines Fabrikbesitzers lief. Eine Wildunfallmeldung aus der Frühzeit des Automobils – und ein Beleg dafür, dass Tiere sich nicht nach Fahrplänen richten.
Fotos zeigen vier wolfsähnliche Tiere. Schon macht eine aufregende Nachricht die Runde. Dann die Überraschung: Es waren Wolfshunde. Eine hübsche Erinnerung daran, dass selbst eine Kamera zunächst nur ein Bild liefert – die Geschichte dahinter muss man erst herausfinden.
Die Vögel beziehen ihre Reviere. Spechte trommeln, der Rotmilan kreist wieder häufiger über den Feldern.
Mai – Juni
Jungtiere brauchen Ruhe; Rehkitze können im hohen Gras liegen. An Bächen und Teichen herrscht Hochbetrieb.
September – Oktober
Die Hirschbrunft ist zu hören, Kraniche ziehen übers Land, der Wald verändert sein Gesicht.
November – Februar
Spuren im Matsch oder Schnee verraten manchmal mehr als ein Fernglas: Wer war in der Nacht unterwegs?
Woher stammen die Geschichten? Quellen und weiterführende Links
Grundlage ist das ausführliche Forschungsdokument „Die Tierwelt in und um Abberode“ (Stand Oktober 2026). Für die regionale Tierwelt wurden besonders die Informationen der Schutzgebietsverwaltung, des Nationalparks und des Landesjagdverbandes herangezogen.
Die Bildunterschriften nennen Bildautoren und Herkunft. Die Artenfotos wurden nicht in Abberode aufgenommen; sie zeigen die Tiere zur Veranschaulichung. Besonders für Nachweise unmittelbar rund ums Dorf freuen wir uns über Fotos und Beobachtungen aus der Nachbarschaft.
Hast du sie schon gesehen?
Ein Luchs auf der Wildkamera, ein Eisvogel an der Eine, eine uralte Aufnahme mit Förster und Jagdhund – wir freuen uns über Entdeckungen und Erinnerungen aus Abberode, Tilkerode und Steinbrücken.